Abendgottesdienst: Wie viel Wahrheit verträgt man?

Von wahren und falschen Propheten – Amos und seine harte Wahrheit

In der Reihe der Abendgottesdienste des Kirchenkreises Bad Salzungen-Dermbach war Christian Guth, ordinierter Gemeindepädagoge aus Emphertshausen, bei uns zu Gast in Tiefenort, um über „Heil und Unheil – die Botschaft der kleinen Propheten“ zu predigen. Wie ist das mit der Wahrheit, fragte Christian Guth die Besucher. Wieviel verträgt man – oder tut man sie als „falsch“ ab? Wer sind die wahren Propheten damals wie heute? Ich habe Christian Guth gebeten, die Predigt hier wiedergeben zu dürfen.

Musikalisch umrahmt wurde der Gottesdienst von der Band „Annjual Acoustics“ aus Unteralba und Kreiskantor Hartmut Meinhardt.

Hier die Predigt in vollem Wortlaut:

Vorrausgegangen sind: Gebet mit Psalm 121 und Lesung aus der Ordnung des Johannestages aus Jesaja 40.1.ff.

Friede sei mit euch!

Der Fingerzeig Gottes

Christus hängt am Kreuz. Qualvoll verkrümmt vom Todeskampf ist seine Haut blass und blutleer. Links auf dem Bild steht die Gottesmutter Maria. Sie scheint vor Herzensqual bewusstlos zu werden. Der ihr anvertraute Lieblingsjünger hält sie. Auch ihm ist unerträglicher Schmerz ins Gesicht gezeichnet. Rechts auf dem Bild steht mit beinahe unbeeindruckten Gesichtsausdruck Johannes der Täufer. Manche sagen über ihn, er sei der letzte Prophet, weil er auf Gottes großes, ultimatives/endgültiges Erlösungswerk hinweist: „Jener muss wachsen, ich aber kann zurücktreten.“ Joh 3.30 (Übers. Perspek. d. Kunst)
Genau dieser Spruch steht auf dem Isenheimer Altar, über den ich gerade spreche. Ganz deutlich zeigt der Finger des Johannes auf Jesus. So, als wenn er sagen will: Schaut her. Das tut Gott für euch – er gibt das liebste, was er hat.

Als ich sehr lange darüber nachdachte, worüber ich heute Abend reden will, musste ich immer wieder an den Isenheimer Altar und diese eindrückliche Geste denken: Der Fingerzeig des Johannes.

Dieser Fingerzeig erscheint mir so typisch prophetisch: Propheten zeigen uns deutlich, was Gott von uns fordert und was er schenkt.

Das sind Propheten: Sie erhalten von Gott den Auftrag seine Wahrheit in der Welt zu verkünden.

Das sind Propheten: Sie erhalten von Gott den Auftrag seine Wahrheit in der Welt zu verkünden. Was sie prophezeien will kaum einer hören – unangenehm sind die Wahrheiten Gottes. Propheten, die reden, was wir gern hören sind falsche Propheten.

Wie das so ist, wenn jemand redet, was wahr ist und was doch keiner hören mag – wie dann Wut, Verachtung und vulgärer Spott abgelassen werden, das kann man bei Greta Thunberg beobachten. Ich weiß – sie hat mit Religion erst einmal nichts zu tun und es passt nicht zu behaupten, sie sei eine Prophetin. Trotzdem musste ich beim Isenheimer Altar an sie denken: So wie Johannes der Täufer mit dem Finger auf die wirkliche Wahrheit Gottes zeigt (Jesus Christus), so zeigt Greta Thunberg auf das, was Naturwissenschaftler schwarz auf weiß bewiesen haben. Und wird doch so oft verachtet.

Wie sehr Wahrheit verachtet wird – darüber spreche ich gerade deshalb, weil ein großes Problem unserer Zeit ist, dass Menschen sich ihre Wahrheit zusammensuchen, sich in sozialen Medien in Filterblasen begeben und kaum andere Meinungen kennen oder diese bloß verspotten. Für die aufgeklärte Wahrheit ist das der Tod.

Amos streitet im Auftrag Gottes für Gerechtigkeit

Dabei ist die Wahrheit nicht selten so offensichtlich: Es geht eigentlich um Amos. Der nämlich streitet im Auftrag Gottes für Gerechtigkeit. Die Probleme liegen zur Zeit Amos‘ offensichtlich: Von den Armen nehmen die Reichen zu hohe Abgaben und bauen damit ihre eigenen Paläste. Menschen werden wie Vieh als Knechte für billig Geld verschachert. Von den Armen nehmen die Mächtigen alles und behalten es für sich. Und Arme – anders als heute – gab es damals jede Menge, denn oft wurde in einer Familie das Land unter allen Söhnen geteilt und nach wenigen Generationen warf es nicht mehr genug ab, um davon zu leben. Die Parzellen waren dann zu klein. Das große Gefälle zwischen denen, die hungern, zu dehnen, die sich fett fressen verbindet Amos mit unserer Zeit. Hinzu kommt bei uns noch die Sorge darum, wie künftige Generationen auf dieser Erde leben sollen.

Einige Verse aus dem Buch Amos scheinen ein Ruf genau in unsere Zeit und unsere Welt zu sein: So beispielsweise musste ich an die unbelehrbaren Leugner des Klimawandels denken, wenn es in Amos 3 heißt „Und es zogen zwei, drei Städte zu einer Stadt, um Wasser zu trinken, und konnten nicht genug finden; dennoch seid ihr nicht umgekehrt zu mir, spricht der HERR. Ich plagte euch mit dürrer Zeit und mit Getreidebrand; […]; dennoch seid ihr nicht umgekehrt zu mir, spricht der HERR.“ An die Verachtung, die jenen entgegenschlägt, die Tatsachen und Wahrheit sachlich einbringen und Gerechtigkeit erstreben musste ich in Amos 5 denken, wenn ich lese „Sie hassen den, der im Tor Recht spricht, und verabscheuen den, der die Wahrheit sagt.“ Die Schar der etablierten, sich in der Zeit des Amos bereichernden Oberschicht erträgt die beißende Kritik des Amos kaum: Zueinander sprechen sie „das Land kann seine Worte nicht ertragen.“

Gott hat es – endgültig – satt

Doch Gott hat die Lüge, Verleugnung und die Verachtung der Menschen endgültig satt. Endgültig.

Im Laufe der wenigen Kapitel des Buches steigert sich der Zorn über den verbohrten Widerwillen seines Volkes: „Vielleicht wird der Herr, […] gnädig sein“ spricht Amos — „Vielleicht!“ [Es ist nicht das ferne Echo von Kritik, die Amos verkündet. Wer ihn liest, der sieht: Amos scheint neben uns zu stehen und sein Wort gilt uns.]

Ein Satz steht zweimal im Buch Amos. Einer!: Zweimal spricht Gott über sein Volk: „Ich will nicht mehr an ihm vorübergehen!“ Nein, Gott will nicht mehr Gnade walten lassen und es gut sein lassen. Nein, er wird sich ihm im Zorn zuwenden, er hat es endgültig satt!

Für uns in der christlichen Hoffnung absolut bestürzend ist das Resümee von Amos: „Ist nicht des HERRN Tag finster und nicht licht, dunkel und nicht hell?“ Ist es nicht das stärkste Bild unseres Glaubens, das Bild vom Licht? Zünden wir nicht bei jeder Taufe eine Kerze an, weil wir wissen, dass bei Gott das helle, das lichte ist und wir erkennen: Christus ist das Licht der Welt? Genießen wir im Advent nicht die wundervollen Verse von Jesaja in denen er prophezeit: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“? – Und dann schreibt Amos: „Ist nicht des HERRN Tag finster und nicht licht, dunkel und nicht hell?“ – was soll denn noch werden, wenn bei Gott nicht mehr das Licht ist? Wenn die Hoffnung Tot ist?

Es droht Unheil, und wer das Leugnet soll durch das Schwert sterben. Das sage nicht ich, das steht auch bei Amos.

Tragt Verantwortung für das, was ihr tut! (Hans Jonas)

1979 schrieb der deutsch-amerikanische Philosoph Hans Jonas ein Buch in dem er auf vielen Seite eine Anforderung an die Menschheit entfaltet. Eine Anforderung an die Menschheit, damit sie leben kann und nicht im Unheil umkommt. Eine Anforderung, damit unsere Kinder und Kindeskinder leben können und nicht im Unheil umkommen: Tragt Verantwortung für das, was ihr tut! Wenn wir und kommende Generationen auf dieser Erde gut leben wollen, dann sollen wir – so Hans Jonas – bei jeder Entscheidung immer mitbedenken, wie unser Tun und Lassen sich auf die Zukunft kommender Generationen auswirkt. Und das tun wir nicht. Rund vierzig Jahre später erinnern uns freitags für Klimagerechtigkeit protestierende Jugendliche daran, dass wir das nicht tun.

Die wirken so radikal, diese Jugendlichen. Doch wenn man genauer liest, was seriöse Naturwissenschaftler schreiben dann sieht man: Es ist nicht radikal. Es ist dringend notwendig, was sie fordern. Was wir tun, ist radikal falsch!

Ich muss gerade an den Satz denken, „Es droht Unheil, und wer das Leugnet soll durch das Schwert sterben.“ Es fühlt sich bei uns nicht so an, aber es muss dringend etwas geschehen. Viele Fragen in dieser Zeit von Corona ‚Wann wird denn endlich wieder alles normal!‘ – Was ist denn normal? Vielleicht ist Corona der Teil des Unheils das uns nun auch ereilt, wo doch in anderen Ländern schon Strände im Plastikmüll versinken, sich Menschen in alten Industrieanlagen zur Verwertung unseres giftigen Mülls die Lungen vergiften und die Lüge bis in die höchsten politischen Etagen aufsteigt? Soll das Normal sein? Ereilt uns nun das Unheil, das woanders längst ist?

Unheil, wie Amos es kommen sah. Er wusste, dass Gott an seinem Volk nicht mehr vorrübergehen wird.

Sie merken schon wie die Worte des Philosophen Hans Jonas von eben fast untergehen in der ständigen Hoffnungsferne dieser Welt. Ich lese sie deshalb nochmal: „Wenn wir und kommenden Generationen auf dieser Erde gut leben wollen, dann sollen wir – so Hans Jonas – bei jeder Entscheidung immer mitbedenken, wie unser Tun und Lassen sich auf die Zukunft kommender Generationen auswirkt.“

Das klingt gar nicht so schwer. Es gibt doch viele Vorschläge, wie das gelingen könnte. Ich kann das gar nicht alles nennen, so viele gute und reiflich überlegte Vorschläge gibt es, damit wir verantwortungsvoll leben können.

Lösungen finden, um verantwortungsvoll leben zu können

Und dann lese ich im Buch Amos, ganz am Ende:

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass man zugleich ackern und ernten, zugleich keltern und säen wird. Und die Berge werden von Most triefen, und alle Hügel werden fruchtbar sein. 14 Ich will die Gefangenschaft meines Volkes Israel wenden, dass sie die verwüsteten Städte wieder aufbauen und bewohnen sollen, dass sie Weinberge pflanzen und Wein davon trinken, Gärten anlegen und Früchte daraus essen. 15 Ich will sie in ihr Land pflanzen, dass sie nicht mehr aus ihrem Lande ausgerottet werden, das ich ihnen gegeben habe, spricht der HERR, dein Gott.“ Am 9.13ff

Ich bin sehr dankbar, dass das ganz am Ende steht. Es tut gut das zu lesen und ich bin gewiss, dass das Heil, das Gott uns schenkt, eine spürbare Wirklichkeit ist und eine noch größere Wirklichkeit werden wird. In der großen Frage von Heil und Unheil – ob uns Heil oder ob uns Unheil droht, bin ich als Christ vollkommen überzeugt, dass uns Heil widerfahren wird in Gottes Reich. Und ich bin ebenso überzeugt davon, dass diese Verheißung auch unseren Kindern und Kindeskindern gilt.

Aber ich komme nicht um folgende, letzte Frage umhin: Wie verloren im Unheil werden unsere Kinder und Kindeskinder auf dieser Erde sein, wenn wir sie weiter so zerstören?

Amen.

Und der Friede Gottes, der größer ist als all unsere Vernunft, bewahre uns Herz und Verstand. Amen.

Pfarrer Thomas Volkmann
Pfr. Thomas Volkmann ist seit Juni 2018 der geschäftsführende Pfarrer für Tiefenort.