Die homiletische Großwetterlage in Deutschland vor dem Reformationstag 2020

Vortrag auf dem Pfarrkonvent Bad Salzungen-Dermbach am 14.10.2020)

Liebe Schwestern und Brüder,

mir kommt das Gruseln. Überall Lichter auf den Gräbern. Skelette, die durch die Straßen wandern, Aberglauben aller Orten über Geisterbeschwörung und die Anbetung der Heiligen. In den Kinderbüchern kommen die Kinder aus dem Gruseln nicht mehr raus, Dementoren, Kammer des Schreckens, Hogwarts lässt grüßen. Thriller verkaufen sich blendend, manche „Tatort“-Sendung sind einfach nur noch abscheulich. „Geisterstunde“ ist ein längst beliebtes Spiel. In den Geschäften hängen Skelette, Totenmasken und ausgehöhlte Kürbisse, aus denen ein zahnloses Lächeln, eher ein schadenfrohes Grinsen leuchtet. Andere Erschrecken wird zum Spaß. Wir sind am Vorabend von Allerheiligen – Helloween –  All Hallows‘ Eve, der Abend vor Allerheiligen. Ein Tag zum Gruseln.

Halloween: zwischen Erntedank und Advent gelegen ist es mittlerweile ein Konsum- und Kostümfest geworden. Die Verkleidungsindustrie verkauft Spaß und Events, bevor die dunkle Jahreszeit beginnt, auch weil im September das Weihnachtsgeschäft eher schleppend beginnt. Und so werden aufgeschlitzte, geschnitzte Kürbisse, Totenmasken, Skelette und andere gruselige Figuren verkauft, und natürlich jede Menge Süßigkeiten. Bekannt ist der Spruch: gib süßes, sonst gibt’s saures.

Halloween, ein grauenhafter Tag. Wie kann man das nur feiern? So ist es mir in Erinnerung geblieben. Es war mitten im Vikariat in Sonneberg-Köppelsdorf, als an jenem Abend ein Kind verschwunden ist. Es war mit Christenlehrekindern bekannt, die ich im Vikariat betreut habe, denen damit Helloween ziemlich an die Nieren ging. Wie später herauskam, wurde es verschleppt, misshandelt. Das Grauen war mit einem Mal allgegenwärtig.

Wir feiern Reformation, nicht Helloween. Wir feiern Reformation, nicht Revolution. Und doch spielen auch die Erinnerungen an Oktoberrevolutionen, Novemberrevolutionen, die Aufstände und Putschversuche rund um den 9. November mit all seinen Facetten hinein in den Reformationstag. Zufall oder Absicht, dass all die großen Revolutionen in der Geschichte Deutschlands und der Welt just nach dem Reformationstag ihren Höhepunkt hatten?

Reformation heißt Verwandlung und Veränderung. Die Reformation war Ausgangspunkt für viele Veränderungen in Deutschland. Wir erinnern uns an die Bauernkriege 1525, an Thomas Müntzer, der die Reformation Luthers und seine Schrift zur Freiheit eines Christenmenschen für die Bauernbefreiung nutzt – oder sollte ich besser sagen: missbraucht? – und damit die Reformation mit der sozialen Frage in Deutschland verknüpft.

Soziale Missstände, Leibeigentum, Kriege und Fehden, Vetternwirtschaft sowie die Missstände in der Kirche heizen die Stimmung an, sind Auslöser der Reformation, Auslöser für Unzufriedenheit, der die Menschen auf die Straßen treibt, und Veränderungsdruck.

Luthers Reformation zielt genau auf den letzten Teil, die Missstände in der Kirche anzugehen. Luther will Kirche reformieren. Er liest in der Bibel: der Sabbat ist für den Menschen da – und überträgt das auf die Kirche: die Kirche ist für den Menschen da, nicht die Kirche für sich selbst. Kirche ist kein Selbstzweck. Die Suche nach dem gnädigen Gott, der einen sieht, der einem beisteht, der einen nicht verlässt, der ein Zufluchtsort wird (Psalm 46 !), ist der Beginn einer spezifischen lutherischen Frömmigkeit.

Die Reformation Martin Luthers greift damit die zentralen Missstände auf und will sie abschaffen:

  • die Heiligenverehrung als Vermittler zwischen Gott und Mensch
  • den Dogmatismus – wir erinnern uns: auch Päpste können irren
  • die Werkgerechtigkeit: das Aufwiegen von guten Taten gegen die Sünde, besser gesagt man kauft sich das Heil einfach ein und sündigt fröhlich weiter…, weil man kann sich ja „freikaufen“, Beichten, Buße tun…
  • und der Ablasshandel: das Kaufen von Vergebung, dass sich herauskaufen aus der Hölle, auch noch nachträglich nach dem Ableben durch die Verwandten.

Er wendet sich damit zentral gegen die Geschäftemacherei der Kirche, gegen das Geschäft mit der Angst.

Für ihn wird deutlich: Glaube äußert sich vielmehr in tätiger Liebe, in aktiver Nachfolge Jesu Christi, die auf Glauben, Liebe, Hoffnung fußt. Genau darauf nimmt Johann Hinrich Wichern Bezug, der zum Gründer der modernen Diakonie wird, als er 1832 das Rauhe Haus in Hamburg gegründet.

Dem Dogmatismus und der Geschäftemacherei der Kirche damals stellt er die vier reformatorischen Grundprinzipien entgegen:

  • solus Christus
  • sola gratia
  • sola fide
  • sola scriptura.

Das war natürlich ein Angriff auf die verfasste Kirche, aber mit gutem Grund. Er stellt die Autorität der Bibel, der Heiligen Schrift, der Gründungsurkunde des Christentums, der zentralen Glaubens Urkunde aller Christen in den Mittelpunkt seiner Theologie.

Hier stehe ich und kann nicht anders, soll er auf dem Reichstag zu Worms gesagt haben. Wenn ich nicht durch die Heilige Schrift widerlegt werde, werde ich nicht widerrufen. Kein Luther-Film kommt ohne sie aus. Gesprochen meist selbstbewusst oder gar triumphierend. Da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, kann ich und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.

Damit führt er Kirche wieder zurück zu den Quellen und in eine neue, veränderte Zukunft: Die Rückbesinnung auf die Quellen, auf das Ursprüngliche, auf den Kern: ad fontes, da folgt er dem Prinzip der Humanisten. Dabei will er die biblische Botschaft in all seiner Kraft wieder neu zu Geltung bringen gegen alle, die das Wort Gottes verfälschen oder missbrauchen. Für ihn ist auch klar, dass die Menschen dabei nicht aus dem Blick gelassen werden dürfen. Er will sie beteiligen, aus der reinen Konsumhaltung (Der Priester liest eine Messe…) herausholen, er will sie zu mündigen Bürgern des Reiches Gottes machen, zu selbstbewussten Menschen, die wissen, woran sie glauben. Es geht ums Priestertum aller Gläubigen. Für Luther war klar: Es gibt nur einen Priester, Jesus Christus (Hebräer 4,14). Dadurch, dass Gott in Jesus Christus Mensch wurde, also selbst zu den Menschen kam, haben alle Zugang zum Heiligtum (Hebräer 10,9), ganz ohne andere Mittler, ob Heilige oder Priester. Weitere biblische Grundlagen für diese Sichtweise sind unter anderem 1 Petr 2,9Offb 5,10. Und er nimmt die Gläubigen zugleich in die Pflicht: In seiner Schrift „von der Freiheit eines Christenmenschen“ 1521 heißt die zentrale Doppel-Formel: Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.

Darauf zielt seine Gottesdienst-Reformen ab, seine Lieder, seine Katechismen,  die Bibelübersetzung in die Muttersprache, damit sie jeder verstehen kann, und hinzu kommt die Schulbildung, zentrales Thema vor allen Dingen von Philipp Melanchthon, damit jeder Gottes Wort auch selbst lesen kann. Damit beginnt damals eine wahre Mission der Protestanten, eine Schickung zur Erneuerung der Kirche, die auf Transparenz, Durchblick, Klarheit, Relevanz für den Einzelnen, aber auch Einsatz und Zivilcourage für den anderen, angelegt ist.

Es ist die Urformel der Reformation: Ecclesia semper reformanda – die Kirche muss immer reformiert werden. Diese Formel besagt, dass die Kirche innerlich und wesentlich vor der Herausforderung steht, sich ständig zu erneuern, immer wieder aufs Neue, wie Karl Barth es formuliert hat, „mit dem Anfang anzufangen“. Dafür gibt es mindestens zwei Gründe. Zum einen lauert damals wie heute die Gefahr, dass die Kirche zwar noch von Gott redet und vorgibt, auf seiner Seite zu stehen, in Wirklichkeit aber selber längst aus dem Glaubens- und Vertrauensgespräch mit Gott ausgestiegen ist, nicht mehr auf sein Wort hört, nicht mehr in seinem Licht steht, nicht mehr von seinem Geist bewegt ist. Zum anderen hat die Kirche den Auftrag, das Evangelium auf den Leuchter zu heben und in die Welt hinauszutragen. D.h. die Kirche steht in immerwährender Veränderung, genau wie die Gesellschaft. Matthias Ansorg hat uns dazu letzte Woche in Glaube und Heimat einen wichtigen und zentral Artikel auf die Titelseite gesetzt.

Die Kirche steht in Veränderungsprozessen – meistens denken wir dabei an Veränderungen der Stellenzuschnitte, vergessen dabei aber die Herausforderungen, die sich durch die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten 30 Jahre gerade bei uns in den neuen Bundesländern ergeben haben.  Wir sind nicht mehr das Kernland der Reformation , die am meisten Gläubigen in Deutschland, wir sind längst Missionsland geworden, Christen in der Minderheit. Begonnen haben übrigens die massiven Kirchenaustritte in den beiden letzten Diktaturen, der Naziherrschaft und der Zeit des Kommunismus, für die die Kirche mit ihrem Eintreten für die Schwachen, mit ihrer Barmherzigkeit, mit ihrem uneingeschränkten Liebesgebot zum Systemfeind wurde. In meinen Ohren klingen noch die Worte des Stuttgarter Schuldbekenntnis von 1949 nach: „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Verabschiedet am 19. Oktober 1949, vor genau 70 Jahren.

Die Stimmung im Land verändert sich wieder. Darauf wird Kirche reagieren müssen. Darauf sollte Kirche auch reagieren. Dabei dürfen wir die Grundlagen, die Bibel, Christus selbst nicht aufgeben, nicht verleugnen. Reformation ist, und das können wir am Reformationstag hochhalten, auch der Ruf in die Nachfolge dessen, was Jesus Christus uns vorgelebt hat, angesichts aller Veränderungen in der Gesellschaft, angesichts der Kommerzialisierung und Um-schreibung kirchlicher Feste, gerade auch angesichts der Umschreibung und Verleugnung der Geschichte, wie sie aktuell wieder versucht wird. Und wir sind durch das Ordinationsgelübde daran gebunden, authentisch und wahrhaftig Christus zu predigen, zum Glauben zu rufen und ihn vorzuleben und andere in die Nachfolge Jesu Christi zu rufen. Dafür steht für mich auch der Spitzensatz aus unserer Perikope: Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel.

Die Kirche muss sich verändern, sie ist kein Selbstzweck. Sie sollte das im Licht der Kernanliegen der Reformation tun. Bekennen, einen Standpunkt haben, Haltung zeigen.

Zum Reformationstag denken wir an Menschen wie Martin Luther, der sich hinstellte und seine Haltung durchgehalten hat. Andere haben es ihm gleichgetan, bis in die heutige Zeit hinein: Paul Schneider, Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King, der südamerikanische Bischof Desmond Tutu. Haltung haben bedeutet, einen persönlichen Standpunkt zu haben, aus gewissen Überzeugungen, nein: Gewissens-Überzeugungen heraus zu handeln. Christen handeln religiös motiviert. Eine Haltung hat damit zu tun, dass ich darauf achte, was mein Verhalten für andere und für die Zeit nach dieser Handlung bedeutet. Überzeugung und Haltung scheinen eng zusammen zu liegen. Was sind unsere Überzeugungen? Wie soll es weitergehen? Wohin soll und muss uns das ecclesia semper reformanda est vor dem Hintergrund der Reformation Luthers führen?

Pfarrer Thomas Volkmann
Pfr. Thomas Volkmann ist seit Juni 2018 der geschäftsführende Pfarrer für Tiefenort.