Feuerwehr-Predigt oder über die Einsatzbereitschaft von Ehrenamtlichen

Anlässlich des „Diakonie-Sonntags“ 2020, an dem in Tiefenort eigentlich die Feuerwehr „Tag der offenen Tür“ gehabt hätte, trafen wir uns statt dort im Gerätehaus zum Open-Air-Gottesdienst vor dem Pflegeheim „Schanzehof“. Dort wurden nicht nur die Kameraden eingesegnet, sondern auch dem Pflegepersonal auf besondere Weise Danke gesagt. Hier die Predigt dazu…

Liebe Gemeinde,

wussten sie, wie viele Feuerwehreinsätze es so im Jahr gibt? 41521 Feuerwehren gibt es in Deutschland, 22346 davon als freiwillige Feuerwehren. Mehr als 1,3 Millionen Menschen in Deutschland sind in einer Feuerwehr engagiert. Mehr als 203.000 mal rückten die Kameraden 2017 zu Bränden aus – 2.371.765 Einsätze aber galten der Notfallrettung: Bergen und retten. Die wichtigste Aufgabe der Feuerwehr besteht in der Abwendung von lebensbedrohlichen Gefahren für Menschen und Tiere, sei es durch Feuer, Überschwemmungen, einen Unfall, uvm. Aber auch das Schützen gehört dazu: Die Feuerwehr wehrt Gefahren für die Umwelt ab und betreibt aktiven Umweltschutz z. B. mit der Eindämmung von Ölunfällen und mit der Beseitigung von Ölspuren auf Straßen. Die Feuerwehr Bad Salzungen meldete für 2019 223 Einsätze, viele davon Brandbekämpfung, oft auch Hilfeleistung in Notfällen. Überraschend viele Mülltonnen brannten. Bis zum 21.08. gab es weitere 134 Einätze. Am 4. August vermeldete die Feuerwehr Tiefenort ihren 28. Einsatz – ein Brand. Der Einsatz vor dem Pflegeheim am 7. Mai – zum zweiten Open-Air-Gottesdienst war Einsatz Nr. 16. Soviel dazu.

Jeder 8. Deutsche arbeitet im Gesundheitswesen, das sind rund 5,6 Millionen Menschen, davon gut 1 Million Menschen in der Altenpflege. Die medizinische Versorgung steht sicher im Vordergrund, aber dann gibt es ja noch Tätigkeiten, die eher unbeliebt sind, über die keiner gerne redet, weil mit Scham behaftet. Auch hier in Tiefenort, in unserem Pflegeheim, bei den ambulanten Pflegediensten. Denn: 3, 41 Millionen Menschen in Deutschland waren 2017 pflegebedürftig, und es werden mehr.

Nun stell dir vor, du drückst den Notfallknopf – und nichts passiert. Alle drücken sich. Keiner kommt. Wenn du im Graben liegst, mit dem Fahrrad gestürzt bist – und alle fahren an dir vorbei. Natürlich, wir haben alle unsere Entschuldigungen und brauchen erst keine zu erfinden: Keine Zeit, bin gerade gestresst, muss in 5 Minuten in Dermbach sein, keine Lust, wer weiß, wie lange das dauert, dir zu helfen, und überhaupt: ich bin eh nicht der Typ, der anderen unter die Arme greift. Wer also hält an?

Da ist also ein Mensch in Not geraten, erzählt Jesus. Überfallen, geprügelt, geschlagen, vielleicht noch zugetreten. Und liegen gelassen. Und alle gehen vorüber. Alle haben eine Ausrede. Ich könnte mir ja die Hände schmutzig machen. Dass hier die Gut-Gläubigen, Priester und Levit, genannt werden, macht die Sache nicht einfacher. Scheinheilig gehen sie vorüber – wie die sprichwörtlichen drei Affen: Nichts sehen, nicht hören, nichts sagen. Nichts mit Zivilcourage. Nichts mit Einsatzbereitschaft, um Leben zu retten. „Lass sie doch ersaufen“, höre ich selbst von der großen Politik, wenn es um Ertrinkende geht – „haben sie sich doch selbst eingebrockt…“ Dass es um Menschenleben geht, die zu retten sind, wird mit Angst quittiert: sie könnten uns was wegnehmen.

Von Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit keine Spur. Wie sind wir doch verroht in den letzten Jahren. Und setzen dem Verrohen selbst keine Grenzen, greifen dem Rad lieber nicht die Speichen. Gelten denn die einfachsten Grundwerte nicht mehr? Aber wenn es um dich geht: was ist, wenn du Hilfe brauchst, wenn du gerettet, geborgen, zurückgeholt werden müssest, und du merkst: alle drücken sich?

Jesus fragt nicht: wer ist dein Nächster – da gibt es viele, und damit zugleich viele Ausreden. So vielen helfen – geht doch nicht! Jesus dreht den Spieß um: Wem bist du der Nächste geworden?

1875, heute vor 145 Jahren, wurde Albert Schweitzer geboren, ein berühmter Theologe, begnadeter Kirchenmusiker, der Johann Sebastian Bach verehrte und zu neuer Blüte brachte. Vor allem wurde er bekannt als Mediziner, der nach Lambarene, mitten in den afrikanischen Urwald ging, um dort mit den einfachsten Mitteln Menschen zu helfen. Ehrfurcht vor dem Leben – Leben erhalten, das war sein Lebensmotto.

Sanitäter und Feuerwehrleute, Ärzte und Pfleger, Seelsorger und Berater kommen und gehen: sie helfen und trösten in der Not. Sie sind da, wenn man sie braucht – und gehen, wenn sie ihren Job getan haben: Ihre Hilfe ist angekommen, und wurde angenommen. Retten und helfen, trösten und aufbauen – das ist die „Akutversorgung“, die erste Hilfe, der sich alles weitere fügt: Heilung, zur Ruhe kommen, Erholung und das Gefühl: ich bin nicht allein gelassen.

Nächstenliebe hat mit Mit-Menschlichkeit zu tun, mit Respekt voreinander. Wer keinen Respekt vor anderen hat, dem ist der andere schlicht egal. Wer immer nur sein eigenes Wohlergehen in den Mittelpunkt stellt, dem sind die anderen egal. Allerdings bleiben dann sehr viele sprichwörtlich „auf der Strecke“, werden nicht gesehen, bleiben liegen oder ersaufen. Aber das Beispiel vom barmherzigen Samariter zeigt: Du bist nicht egal – du bist mir nicht egal.

Deshalb ist Helfen, jede Art von Einsatzbereitschaft auch ein Akt christlicher Nächstenliebe und ein Akt des Glaubens, nämlich der persönlichen Überzeugung. Und es können auch „Nichtgläubige“ durch ihr Handeln genau das ausführen, was eigentlich Gottes Wille ist, erklärt uns schon Paulus im Römerbrief.

Ich lasse dich hier nicht liegen, nicht verrecken, nicht sterben. Du bist mir nicht egal. Ich helfe dir, ich steh dir bei! Genau so ist Gott – so geht er uns nach! Indem wir so handeln wie er, geben wir anderen Menschen Hoffnung, Trost und Rettung, vielleicht ganz unbewusst. Genau das macht das christliche aus – dass wir auf dem Weg der Nachfolge sind und so handeln, wie Gott es von uns erwartet. Micha 6:8 Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Aber was kriege ich dafür, wenn ich helfe, mich engagiere? Ganz viel zurück an Dankbarkeit. Ich habe während meiner klinischen Seelsorgeausbildung an der Uniklinik in Leipzig einen Z8immermann kennen gelernt, der 14 Meter vom Dachstuhl auf Beton gefallen war – ein Wunder, dass er überlebt hatte. Erstaunlich, was alles nicht gebrochen war. Er meinte, ein Engel habe ihn aufgefangen, und ihn den Sanitätern auf die Liege gelegt. Er fing an zu beten, war dankbar, nicht nur für die „Bewahrung vor Schlimmeren“, sondern vor allem für die neue Chance, die sich ihm durch die Heilung bot. Und er hat sich auf den Weg gemacht, die Sanitäter und Erstversorger, Ärzte und Krankenschwestern eingeladen, um Danke zu sagen. Als er das erzählte, ging das selbst mir unter die Haut.

36 Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war? Fragt Jesus den Pharisäer. 37 Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen! Damit keiner unter die Räder kommt, ist Helfen nicht nur eine gewisse Notwendigkeit, sondern am Ende eine Gewissens-Notwendigkeit.

Daher gilt heute mein, unser Dank allen, die Einsatzbereitschaft zeigen: als Ärzte und Krankenschwestern, in der Pflege und in der Feuerwehr. Und vielfach auch darüber hinaus: allen, die Menschen helfen, in der Familie, unter Freunden, in den Vereinen und unserer Kirche. Für sie alle bitte ich um Gottes Segen – und euch bitte ich: lasst uns heute für sie klatschen! Amen.

Pfarrer Thomas Volkmann
Pfr. Thomas Volkmann ist seit Juni 2018 der geschäftsführende Pfarrer für Tiefenort.