Folge mir nach! – Entscheidung mit Konsequenzen

Predigt am Sonntag Okuli

Predigt zum Evangelium des Sonntags aus Lukas 9,57-62 von Pfr. Thomas Volkmann

57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach!
Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 60 Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. 62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Liebe Gemeinde,

da lieferte sich sich Jens und Axel letztens auf der A4 zwischen Eisenach und Wutha Farnroda mit der Polizei eine wilde Verfolgungsjagd. Ihr getunter Polo hatte die Aufmerksamkeit einer Streife erlangt. War er zu laut? War er zu schnell? Hatten sie etwa getrunken? Jedenfalls versuchte Jens und Axel alles, um die Polizei abzuschütteln. Schnell informierten sie ihre Kollegen. Das ganze fand ein wildes Ende, als der Polo von Polizeikräften eingekeilt war und der vordere Wagen mit einem „bitte folgen“ zwischen wütend blinkenden Blaulichtern den Polo von der Bühne geleitete.

Verfolgt von der Polizei – Bitte folgen ist da keine Bitte mehr. Was wohl die Verfolgten und Vertriebenen denken müssen, wenn vor ihnen Männer in voller Schutzausrüstung mit vorgehaltenem Schnellfeuergewehr ihr „Nicht-Willkommen“ in der eigenen Wohnung deutlich machen: Raus hier, aber schnell – und nicht: bitte folgen. Nicht immer gibt es freundliche Einsatzkommandos, die dazu noch an die Tür klopfen. Gewalt ist an der Tagesordnung, die Bedrohung kommt schleichend, plötzlich, unerwartet, von oben.

Mitläufer, sagt man, wenn Menschen jemand anderem oder einer politischen Idee hinterherlaufen. Ob gewaltverherrlichend oder nicht, Parolen rufend oder Fahnen schenkend, Mitläufer zu sein hat die Konnotation, sich eine Sache zu eigen zu machen, ohne über die Sache und ihre Konsequenzen genauer nachzudenken. Fasziniert und angetan, verzaubert und beeinflusst, im schlimmsten Sinne manipuliert machen sich andere dies zu Nutzen. Die Geschichte ist voll davon. Und Menschen suchen offensichtlich nach Messias-Figuren, nach Welt-Herrschern, nach Heilsgestalten und starken Männern, die für sie die Welt retten sollen, denen sie sich anschließend können. Nur: Die Masche mit der Propaganda – die Schleich-Werbung, ist heute noch viel raffinierter in der Beeinflussung und nennt sich schlicht Meinungs-Mache. Und dagegen gibt es berechtigte Vorbehalte, manche historisch gewachsen. Mit einem „Folge mir nach“ ist es eben nicht getan.

An Ausreden mangelt es uns nicht. Da kann ja jeder so kommen. Ich hab jetzt keine Zeit dafür, frag mich nächste Woche, nächstes Jahr. Ne, damit kann ich überhaupt nichts anfangen, ich beschäftige mich mit so nem Kram nicht. Lass mich mit deiner Spiritualität in Ruhe. Von dir lass ich mir doch nichts aufschwatzen.

Folge mir nach. Das ist Jesu Ruf in die Umkehr. Das ist Jesu Ruf hin zu Gott. Immer näher zu dir – immer mehr von dir, darum soll es gehen, nicht nur in unseren Liedern, auch in unseren Gebeten, vor allem aber in unserem Leben. Aber wir haben eben auch immer unsere Gründe, weshalb es gerade nicht passt. Weil wir jeder in einer Lebens-Situation steht, in Bedingungs-Gefügen. Weil das nicht so einfach ist, das alte Leben einfach so hinter sich zu lassen, neu anzufangen. Aber ist es nicht das, wozu Jesus Nikodemus aufruft: die Wieder-Geburt, den Neuanfang?

Doch dabei sind wir gefangen von dem, was war, träumen von Goldenen Zeiten, als noch galt, woran wir glaubten. Wir träumen, rosarot verklärt und geschönt, von den guten alten Zeiten, als wir noch was hatten, was galten… den großen Versuchungen dieser Zeit erlagen – das Thema zieht sich durch die ganze Fastenzeit. Wir lassen uns viel lieber blenden und vereinnahmen von schönen Worten, tollen Versprechen und ganz anderen Dingen – und kommen weiter ab vom Ziel, wie Matthias Claudius im „Lied vom Mond“ so treffend dichtet.

Dem Dritten in unserem Bibeltext Lk 9 sagt er sinngemäß: „Wer ständig in den Rückspiegel schaut, wird in der nächsten Kurve gegen den Baum fahren.“ Die Vergangenheit ist ein starkes Band, das lähmt und einen mehr hindert, ganz frei, ganz neu zu entscheiden, was jetzt dran ist. Der Blick zurück raubt uns alle Konzentration und verstellt uns zugleich den Blick nach vorne, nach dem, was sein soll, werden soll – mit uns, mit dieser Welt.

„Folge mir nach“ – das ist der Ruf in eine Entscheidung, der Ruf in den Dienst, für die Sache Jesu einzutreten, sich die Sache Jesu zu eigen zu machen, Gottes Liebe nachzueifern und selbst ein Stück davon zu erhaschen und zu geben.

Ich kenne Menschen, die dafür eine „Lebens-Wende“ hingelegt haben: die raus sind aus so manchem, was sie gefangen gehalten hat, um neu anzufangen, sich in den Dienst zu stellen und überzeugt davon sind: es war genau das richtige. Die erlebt haben, dass sie anders, freier, ungezwungener leben und reden können. Die zu sich und zu Gott gefunden haben. Die nicht anderen oder anderem hinterherlaufen, sondern standhaft für christliche Positionen eintreten. Dafür haben manche sogar ihren alten Job aufgegeben: Elektriker, Maurer, Tischler und Zimmerer, Krankenschwestern, Ärzte und Organisten. Ich kenne Bäckermeister und Unternehmensberater und manch andere „Spät-Berufene“, die noch einmal von vorne angefangen haben – weil es ihnen die Sache wert war.

Als Pfarrer, als Mitarbeitende im Verkündigungsdienst und als Gemeinde sind wir berufen, Menschen in die Umkehr und in die Nachfolge zu rufen. Auch mit unserem Leben. Indem wir Menschen auf ihrer Spirituellen Suche begleiten. Indem wir ausbilden und andere fit machen im Glauben. Indem wir persönlich Kontakt suchen und auf Menschen zugehen. Indem wir in Situationen, wo Menschen sich öffnen, offen sind für die Fragen des Lebens, sie begleiten und Zuspruch, Orientierung geben. Welche Impulse brauchen wir, damit wir gut und gerne dem Ruf Jesu folgen, ihm nachfolgen im immer mehr von ihm und immer näher zu ihm hin? Und damit wir in andere die Nachfolge rufen können? Amen.

Pfarrer Thomas Volkmann
Pfr. Thomas Volkmann ist seit Juni 2018 der geschäftsführende Pfarrer für Tiefenort.