Was heißt eigentlich Beten in dieser Zeit – einmal angedacht…

Hast du heute schon gebetet? Den Menschen, den ich das gefragt habe, war kurz irritiert über die Frage – und dann meinte er: tatsächlich: Ich habe heute schon gebetet!

Beten – was ist das? „Man spricht mit jemanden“, sagte mir eine ehemalige Konfirmandin. „Mit jemanden?“ fragte ich zurück? Wer ist dieser jemand? Naja, etwas ganz besonderes. Das kann man schlecht erklären. – So was wie ein Freund? Fragte ich zurück? Anders, sagte sie. Ihm kann ich sagen, was ich selbst meiner besten Freundin nicht sagen würde.

„Beten, das ist ein Dialog“, meinte einer diese Woche am Telefon. „Man gibt was preis“ – und zwar bevor man etwas bekommt. Obwohl, angesichts der Digitalisierung dieser Welt sind wir vorsichtig geworden mit der Preisgabe von Daten und Fakten. „Naja, meinte er, aber bei Gott ist das doch etwas anderes. Ich kann ihm vertrauen, dass er das, was ich ihm sage und anvertraue, nicht gegen mich verwendet!“

Beten, das ist mehr, als wenn ich nur mal eben was loswerden will. Beten ist mehr, als nur mal eben um ein paar Eier zum Frühstück zu bitten. Beten, das ist mehr, als nur mal kurz innehalten im Gespräch vor und bei dem Essen, um nach dem Gebet unvermittelt im Satz fortzufahren. So gesehen wäre Gebet nur eine fromme Unterbrechung, und das wäre mir schlichtweg zu wenig.

Nein, Beten ist bewusste Hinwendung zu Gott. Ich muss mit meinen Gedanken schon dabei sein, oder wie jemand anmerkte: Beim Leistungssport kann ich nicht beten – oder vielleicht gerade da? Beim Orgelspiel, bei der Versenkung in eine Sache – ist das nicht auch ein Vor-Gott-Bringen? Hinwendung zu Gott, ist nicht das ganze Leben ein Leben aus der Perspektive Gottes heraus? Zu ihm hin und von ihm her? Ist unser Leben nicht ein andauerndes Gebet? Und wie häufig bringe ich dann ganz spontan etwas vor Gott? Auf der Autobahn meines Lebens, an der roten Ampel, wenn mir etwas durch den Kopf geht, während ich durch das dichte Grün und die abgestorbenen Bäume unserer Wälder schaue oder über den blauen Himmel staune.

Hinwendung zu Gott – aber wann tun wir das? Sonntags, meinte meine Konfirmandin. Nur Sonntags? Und dann nur alle zwei Wochen? Oder wenn wir uns hier treffen, in der Kirche? Das wäre bitter schade. Aber wo wenden wir uns sonst hin? Wem wenden wir uns zu, und besonders: wann? Wir wenden uns an jemanden, von dem wir Hilfe oder die Lösung aller Probleme erwarten. Die kann ganz unterschiedlicher Natur sein. Vielleicht juckt uns etwas, wir suchen Linderung – und gehen zum Arzt. Vielleicht brauchen wir eine technische Lösung, und gehen zum Handwerker, kaufen die Lösung, die Versicherung, die Hilfe ein. Hinwendung zu Gott scheint da oft die „letzte Lösung“ zu sein, wenn nichts mehr hilft.Das ist mir zu wenig.

Wann also beten wir – wenden uns bewusst an Gott? Wenn wir was wollen, sagt der gesunde Menschenverstand. Not lehrt beten, sagt der Volksmund. Doch uns gehts gut, stellen die Forscher fest. Selbst mit Corona sagen über 70% der Menschen, dass sie nicht wirklich betroffen sind – keine Not leiden, die Not noch nicht bei ihnen angekommen ist. Warum auch: es gibt doch alles zu kaufen.

Und doch: mich berührt die Not derjenigen, die keinen Besuch empfangen können in den Pflegeheimen. Die allein gelassen sind in den Häusern. Mich berührt die Not derer, die um jedes Leben kämpfen, und nicht immer siegen. Ich wünsche keinem, so einsam zu sterben. Ich sehe die Überforderung der Familien, zu Hause mit Kindern gleichzeitig arbeiten zu müssen, auch wenn diese Woche mit der Rückkehr vieler in die Schule ein Stück Normalität einkehrt. Wir haben viel gelernt. Mich bedrückt die Not derer, die ihr Geschäft aufgeben müssen, weil die letzten Wochen alle Reserven aufgefressen haben – und nicht wissen, wie es weiter geht. Andere stellen sich die Grundsatzfrage: Werden wir überhaupt noch gebraucht, wenn dieses oder jenes nicht möglich ist? Müssen wir uns nicht neu erfinden? Und es sind die betroffen, die schon vorher betroffen waren: die Armen, die Obdachlosen, die Flüchtlinge, vor deren Leid wir die Augen so gerne verschließen.

Bete und Arbeite. Ora et labora. Es tut uns gut, den Alltag bewusst zu unterbrechen und vor Gott zu bringen, was uns bedrückt – all das, was wir eben nicht können. Und dann wieder in die Hände zu spucken – gerade so sind die größten Entdeckungen und Erfindungen dieser Welt entstanden. Bete, als ob alles arbeiten nicht nütze, und arbeite, als ob alles beten nichts nütze, sagte Martin Luther einmal.

So ermahne ich nun, sagt Timotheus, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen… Ohne Ausnahme. Für die Regierenden und die, die ganz unten am Boden liegen. Für uns und die anderen. Und dann zurück in den Alltag, die Herausforderungen bestehen. Amen.

Hier ein Live-Mitschnitt vom Open-Air-Gottesdienst vom Sonntag, 17. Mai 2020 – Abendgebet um 18 Uhr aus Langenfeld.
https://youtu.be/ebP1xFQ9MJk

Pfarrer Thomas Volkmann
Pfr. Thomas Volkmann ist seit Juni 2018 der geschäftsführende Pfarrer für Tiefenort.