Was ist das wichtigste? Über die Zeit zum Nachdenken…

Im Evangelium nach Markus 12, 28-34 (Bibel: Hoffnung für alle) lesen wir heute (20.3.2020) in der sogenannten fortlaufenden Bibellese:
28 Ein Schriftgelehrter hatte zugehört und war von der Antwort beeindruckt, die Jesus den Sadduzäern gegeben hatte. Deshalb fragte er ihn: »Welches von allen Geboten Gottes ist das wichtigste?« 29 Jesus antwortete: »Dies ist das wichtigste Gebot: Hört, ihr Israeliten! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. 30 Ihn sollt ihr von ganzem Herzen lieben, mit ganzer Hingabe, mit eurem ganzen Verstand und mit all eurer Kraft. 31 Ebenso wichtig ist das andere Gebot: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst! Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden.«

32 Darauf meinte der Schriftgelehrte: »Lehrer, du hast Recht. Es gibt nur einen Gott und keinen anderen neben ihm. 33 Ihn sollen wir lieben von ganzem Herzen, mit unserem ganzen Verstand, mit ganzer Hingabe und mit aller Kraft. Und auch unsere Mitmenschen sollen wir so lieben wie uns selbst. Das ist mehr als alle Opfer, die wir Gott bringen könnten.« 34 Jesus erkannte, dass dieser Mann ihn verstanden hatte. Deshalb sagte er zu ihm: »Du bist nicht weit von Gottes neuer Welt entfernt.« Danach wagte niemand mehr, Jesus weitere Fragen zu stellen.

Was ist wichtig, was nicht? Diese Frage stellt sich im Augenblick vielen angesichts der Corona-Krise. Das Land fährt herunter – shut down. Immer schärfer werden die Verordnungen; Geschäfte schließen zwangsweise, andere haben nichts mehr zu bieten, weil so manche nicht nur vor-sorgen, sondern schlichtweg raffen und hamstern. So kommt es zu Notständen – selbst in einem so reichen Land wie Deutschland. Die Angst geht um, nicht nur um die Ansteckung mit dem Virus, sondern vielmehr die Angst, ob ich genug Essen im Kühlschrank habe und genug Toilettenpapier. Für andere ist das die pure Existenzangst – keinen Job mehr zu haben.

Viele müssen zu Hause bleiben: Zwangsurlaub, weil Geschäfte und Betriebe schließen, Schulen und Kindergärten zu sind, wir keine Betreuung haben. Es sind vor allem die kleinen Leute, die sich Sorgen machen, und um die ich mir Sorgen machen.

Verordnete Fastenzeit, so hat es unser Landesbischof Friedrich Kramer am 15.3. in seinem Radiogottesdienst gesagt. Zeit, selbst etwas herunter zu fahren. Zeit, ins Nachdenken zu kommen. Muss ich immer alles haben, was ich sehe? Ist das alles wirklich wichtig?

Fahren wir einfach mal runter. Schalten wir das Internet ab – spare ich mir die vielen Nachrichten, die mir Angst machen. Ok, für manche wird das schwierig. Sie wollen verbunden sein – so am Leben der anderen teilhaben. Ist das ein Drang, eine Sucht? Können wir auch ohne Technik, aber viel direkter miteinander? Und gibt es da nicht noch viel mehr, was mein Leben reich macht, bereichern könnte – was ich bisher vor Hektik einfach übersehen habe?

Was ist wichtig – in meinem Leben, was nicht? Schaue ich nur nach rechts oder links, oder auch nach oben in dieser Zeit? Woher nehme ich Zuversicht und Hoffnung?

Gläubige Menschen vertrauen auch in der Krise auf Gott, von dem sie alles erwarten. Psalm 121 bringt das im ersten Satz auf den Punkt: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat. Jesus selbst wird gefragt: „Was ist das höchste Gebot?“ Und er antwortet: Mk 10: „Dies ist das wichtigste Gebot: Hört, ihr Israeliten! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. 30 Ihn sollt ihr von ganzem Herzen lieben, mit ganzer Hingabe, mit eurem ganzen Verstand und mit all eurer Kraft. 31 Ebenso wichtig ist das andere Gebot: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst! Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden.“

Jesus antwortet mit dem Doppelgebot der Liebe. Das ist im Kern das ganze Christentum, die ganze Grundlage. Gott lieben – und den Nächsten – und sich selbst. Ein Drehkreis, wie ein Motor mit drei Polen. Ich nenne es auch das theologische Dreieck. Ohne die drei Pole wird unser Leben eben nicht rund laufen. Wenn ich nur an mich selbst denke – wird mein Leben ebenso stottern wie wenn ich mich beim Nächsten verausgabe.

Erst wenn ich zur Ruhe komme und mich öffne, entdecke ich die Kraftquelle, die mich füllt. Gott füllt mich und schätzt mich wert – damit ich den Nächsten genau so wert-schätzen kann.

Von Gott her denken lässt mich auch erkennen, was jetzt wichtig ist: Wir haben Verantwortung füreinander.

Das heißt: dem Virus keine Chance zur Verbreitung geben, sich und andere nicht anstecken und nicht zum Überträger zu werden: zum Schutz der Schwachen also Rücksicht und Verzicht üben. Und zugleich auf die schauen, die Hilfe nötig haben und mit ihnen im Gespräch, im Austausch bleiben: am besten telefonisch. Dann kann Hilfe auch ganz konkret aussehen: füreinander sorgen, dass das Lebens-Not-wendige da ist.

Das heißt für mich zugleich, das theologische Dreieck neu zu durchdenken: Das, was Gott mir gibt und zugesteht, auch den anderen (und zwar allen anderen) zuzugestehen.

Deshalb könnte man angesichts vom lock down ganz grundsätzlich neu und anders denken: Wenn wir unsere Selbstverständlichkeiten „abschalten“ können, um Menschenleben zu retten, können wir das, nämlich Menschenleben retten, nicht auch angesichts der globalen Krise und denen helfen, die betroffen sind von Hunger und Dürre, von Wasserknappheit und Überschwemmungen? Muss sich nicht unsere Produktlandschaft, unsere Art zu wirtschaften und einzukaufen, ändern, damit Krisen abgemildert und gar verhindert werden und die Welt ein wenig gerechter wird?

Wir haben angesichts des Stillstands dazu die ultimative Chance, genau das einzuüben. Fragen wir uns, was für uns wirklich wichtig ist – und wie wir das Doppelgebot des Glaubens in unserem Leben gut umsetzen können. Nutzen wir die Chance dieser Fastenzeit.

Pfarrer Thomas Volkmann
Pfr. Thomas Volkmann ist seit Juni 2018 der geschäftsführende Pfarrer für Tiefenort.