Lass dein Angesicht leuchten

Es gibt diese Momente, da geht über einem plötzlich ein Licht auf. Ein Licht-Moment, wenn mitten durch die dichten Wolken die Sonne durchbricht wie heute morgen. Oder mitten in einem traurigen Moment, wenn bei einem bestimmten Wort, mitten in einem Lied, bei einer Segenshandlung plötzlich ein Sonnenstrahl durch das Kirchenfenster erscheint. Oder mitten im Gespräch, an einem schwierigen Thema, wenn ein Durchbruch gelingt, das Thema verstanden ist, eine Lösung in Sicht ist. Über dir geht auf die Herrlichkeit Gottes. Eine Gottesbegegnung der besonderen Art. Ein Wachküssen am Morgen. Ein Händedruck, unerwartet. Ein Dankeschön an einen Unbekannten. Merken wir das? Erkennen wir das in unserem Leben? Sind wir dafür aufmerksam genug?

Bereit, Gott zu begegnen?

Gottesbegegnung, darum geht es an dem heutigen Sonntag. Über dir geht auf, die Herrlichkeit Gottes. Gott begegnen, mit Leib und Seele, mit Herz und Sinnen. So wie Mose Gott begegnet ist, von Angesicht zu Angesicht, dort im Dornbusch. Dabei rannte Mose gewissermaßen vor Gott weg. Er hatte Schlimmes getan, einen Menschen umgebracht, einen ägyptischen Aufseher, der einen Israeli beinahe zu Tode geschlagen hat, der unterdrückt hat, dem das offensichtlich Spaß gemacht hatte. Darf man das, einen Aggressor, einen Diktator stoppen? Muss man dem nicht Einhalt gebieten, dem Rad in die Speichen greifen, wie Bonhoeffer sagt, um Schlimmeres zu verhindern? Mose hat das getan, und fühlt sich schuldig. Und jetzt läuft er weg, wohnt in der Wüste, heiratet, kommt bei seinem Schwiegervater Jitro runter und kümmert sich fortan um Schafe, Kleinvieh, wird ihr Hirte. Und eines Tages, als er nicht damit rechnet, begegnet ihm Gott. Gerade ihm. Wer bin ich schon? Aber Gott weiß, was in ihm steckt, was er kann, was er mit ihm anfangen will. Und er hat Großes mit ihm vor. Er will ihn zum Menschen-Hirt machen, zum Hirten seiner Herde, seines Volkes. Und wer bist du? Ich bin der, der ich sein werde: Gott verwandelt sich immer in den, der er sein muss, um Menschen zu begegnen, um Menschen zu begleiten, um sie zu sehen, bei ihnen zu sein, mit ihnen zu gehen.

Diese Gottesbegegnung löst ganz viel bei Mose aus. Dass Gott selbst ihm begegnen will, dass er angesprochen wird, überrascht ihn. Karl Barth sagte einmal: Gott kommt immer senkrecht von oben, unerwartet, dann, wenn wir nicht damit rechnen. Dieses angesprochen werden führt zu einem Geborgenheitsgefühl. Er weiß sich gesehen, er weiß sich begleitet. Er kann auf die Hilfe Gottes zählen, er fühlt sich mit Kraft aus der Höhe ausgerüstet. Und das lässt ihn dienen. Davon will er immer mehr.

Aus der Gottesbegegnung entsteht viel mehr

Aus der Gottesbegegnung am Dornbusch, der nicht verbrennt, entsteht viel mehr. Es entsteht eine Gottesbeziehung, ein gegenseitiges Geben und Nehmen, und es wirkt sich in Moses Leben aus. Der “Gott-geht-mit” ist mit ihm, und das hilft ihm, die Israeliten vom Auszug aus Ägypten zu überzeugen. Nicht er selbst, Gott überzeugt sie, sich ihm anzuvertrauen, seinem Knecht, seinem Diener Mose.

Gott braucht dich, Menschen wie du und ich, Menschen, die durchaus einige Macken haben können, schwerwiegende Fehler gemacht haben können. Gott braucht uns als seine Werkzeuge. Was bei Gott zählt, ist am Ende, ob wir uns auf ihn einlassen, zulassen, dass er in unserem Leben Kreise zieht. Dass wir uns auf Gott vertrauen, dass wir uns ihn in den Dienst stellen, sein Angesicht sehen wollen, von Angesicht zu Angesicht in Beziehung zu ihm stehen wollen. Auch, wenn wir von außen bedrängt werden, auch wenn wir selbst im Zweifel sind. Und dann geschieht vielleicht das, was die Bibel im zweiten Buch Mose 34 beschreibt:

29 Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte. 30 Als aber Aaron und alle Israeliten sahen, dass die Haut seines Angesichts glänzte, fürchteten sie sich, ihm zu nahen. 31 Da rief sie Mose, und sie wandten sich wieder zu ihm, Aaron und alle Obersten der Gemeinde, und er redete mit ihnen. 32 Danach nahten sich ihm auch alle Israeliten. Und er gebot ihnen alles, was der HERR mit ihm geredet hatte auf dem Berge Sinai. 33 Und als er dies alles mit ihnen geredet hatte, legte er eine Decke auf sein Angesicht. 34 Und wenn er hineinging vor den HERRN, mit ihm zu reden, tat er die Decke ab, bis er wieder herausging. Und wenn er herauskam und zu den Israeliten redete, was ihm geboten war, 35 sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte. Dann tat er die Decke auf sein Angesicht, bis er wieder hineinging, mit ihm zu reden.

Gott strahlt auf mich ab

Der Abglanz Gottes auf seinem Angesicht. Dieses Strahlen im Gesicht, diese Ausstrahlung in meinem Wesen, in meinem Handeln und Tun, in meinem Denken und Fühlen. Solch eine Ausstrahlung hätte Folgen, Auswirkungen in meinem Leben. Es würde meine Beziehung zu dem nächsten, zu meinen nächsten, innerhalb der Familie, zu den Nachbarn, zu den unbekannten, zu denen ich geschickt bin, unmittelbar verändern. Sie würden die Herrlichkeit Gottes in meinem Leben spüren, dass Gott in meinem Leben eingezogen ist, in meinem Leben wirkt, sie würden Gottes Liebe spüren, die mich ganz und gar verändert.

Ich möchte mehr von diesem Strahlen in meinem Leben. Dass das Strahlen Gottes durch mein Leben hindurch strahlt, aufleuchtet, mein Gesicht anfängt zu glänzen. Ich glaube, das nennt man Segen, wenn Gott sein Angesicht auf mich erhebt, mir diesen Frieden, diese Ausstrahlung gibt. Deshalb spreche ich: Herr, lass dein Angesicht leuchten über mir und sei mir gnädig. Amen.

Wer hat an der Zeit gedreht?

Vom sinn-vollen Umgang mit der Zeit: Gedanken zum Jahreswechsel 2021/22

Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät? Schon wieder ein neues Jahr. Die Zeit rennt. Wie schnell die Zeit vergeht, merken wir, wenn der Tag vorüber ist. Wir wollten doch noch… so vieles machen. Aber irgendwie haben wir die Zeit mit unnützen Dingen verplempert. Zeitdiebe haben uns gestört, uns abgelenkt – wie häufig lassen wir uns ablenken von wirklich wichtigen Dingen!

Was machen wir mit der uns gegebenen Zeit? Am Ende des Jahres – und gerade wieder zum Anfang des Neuen Jahres denken wir darüber nach, was aus 365 Tagen, die uns gegeben waren, geworden sind und werden können. Wie haben wir sie genutzt, die Tage? Waren es gute Zeiten – oder schlechte Zeiten? Können wir sinnvoller mit unserer Zeit umgehen?

Wie nutzen wir diese Zeit? 365 Tage eines Jahres, 8760 Stunden, 525600 Minuten, 22896000 Sekunden. Glaubt man wissenschaftlichen Studien, dann verbringt ein Mensch in Deutschland mehr als die Hälfte seines Lebens mit Schlafen und Fernsehen; 24 Jahre und vier Monate schläft der Deutsche im Durchschnitt, zwölf Jahre verbringt er vor dem Fernseher. So steht es in der Zeitverwendungserhebung 2012/2013, die das Statistische Bundesamt 2016 vorgestellt hat. Ich wollte es genauer wissen, habe weitergelesen:

Die Hälfte unseres Lebens verschlafen wir oder sitzen vor dem Fernseher

  • -12 Jahre wird geredet, davon geht es zwei Jahre und 10 Monaten nur um Klatsch, Tratsch und sich über andere lustig machen.
  • – 8 Jahre unseres Lebens arbeiten wir
  • – 5 Jahre lang widmen wir uns dem Thema Essen
  • – 2 Jahre und 6 Monate sitzen wir im Auto auf der Fahrt zur Arbeit, zum Einkaufen, in den Urlaub, im Stau
  • – 1 Jahr und 10 Monate widmen wir uns der Bildung: Schule, Ausbildung, Studium und Weiterbildung
  • – sportlich verausgaben wir uns genau 1 Jahr und 7 Monate
  • – 16 Monate lang unseres Lebens putzen wir
  • – 12 Monate besucht der Bildungsbürger Kino, Theater oder Konzerte
  • – mit Wäsche-Waschen und Bügeln verbringen wir 9 Monate
  • – ebenso lang, 9 Monate, wird mit den eigenen Kindern gespielt
  • – 4 Monate wird am Computer gespielt – seit der letzten Erhebung sind aber bereits 10 Jahre verstrichen..

Zwei Wochen im Leben beten wir…

– 2 Wochen wird gebetet, immerhin. Ob es in der Krise mehr geworden ist oder eher weniger? Lag es daran, dass wir uns in dieser Zeit mehr gefürchtet oder geärgert haben – oder beteten wir, weil es uns im Grunde doch ganz gut ging? Das kommt auf die Sichtweise und die Einstellungen an. War es ein gutes Jahr oder ein Schlechtes? Worauf richten wir unseren Focus? Auf die Ernte oder auf das Unkraut? Auf das Gute oder das Böse?

Stellt euch einen Moment lang vor, ihr seid Gärtner in einem großen Gewächshaus, dass sich auf Tomaten spezialisiert hat. Konzentriert euch auf eure Tomatenpflanzen, und seht, wie sie wachsen und gedeihen, Knospen und Blüten ansetzen, die ersten Früchte bilden und dann knackige, rote Tomaten bilden. Und dann richtet eure Aufmerksamkeit einen Moment lang auf das Unkraut, wie schnell es dazwischen wächst, und die Mühe, die es kostet, das Beet zu jäten. Was macht euch mehr Freude? Was macht euch glücklicher? Seid ihr zufriedener, wenn ihr eure Pflanzen wachsen, reifen und köstliche Nahrung hervorbringen seht, oder seid ihr glücklicher, wenn ihr euch über das Unkraut ärgert?

Bist du glücklicher, wenn du dich über das Unkraut ärgerst?

Ihr kennt die Antwort. Wir sind glücklicher, wenn wir uns auf das Gute konzentrieren, anstatt uns darüber zu ärgern, was es alles im Keim erstickt werden könnte. … Ihr würdet staunen, was passiert, wenn wir aufhören, das Unkraut mit wütender Aufmerksamkeit „zu gießen“ und wir uns stattdessen auf das Gute konzentrieren würden.

So eine Verwandlung passiert auch Bruce im Film Bruce allmächtig. Er ist Journalist, Anchormann, wie es Klaus Kleber war, der am 30.12. seine letzte Nachrichtensendung moderierte. Bruce ist stinksauer, dass er nicht den Posten erhält, der ihm seiner Meinung nach zusteht – und macht alle anderen dafür verantwortlich: seinen Chef, seinen Kollegen, den er als Konkurrenz ansieht, seine Frau, die ihn nun wirklich unterstützt, auch wenn ihr sein Ego-Tripp mächtig auf den Geist geht. Wie immer in guten Filmen: es geht noch schlimmer: er verliert den Job, seine Frau verlässt ihn, sein Hund pinkelt in der Wohnung – bis er Gott trifft und der den göttlichen Funken in ihm zum Leben erweckt. Und plötzlich funktioniert es wieder in seinem Job, mit seinem Hund, seine Frau kehrt zurück… Seine größte Erkenntnis: Sei selbst das Wunder – statt über andere zu fluchen.

Unsere Zeit steht in Gottes Händen – er hat sie uns geschenkt, nicht wir selbst. Nutzen wir die Zeit – carpe diem, indem wir uns mehr mit sinnvollen Dingen beschäftigen und weniger Zeit uns durch Zeitdiebe und Ärger aller Art „klauen“ lassen. Also: mehr von dem, was uns gut tut, tun – und weniger das, was uns nicht gut tut oder gar schadet. Gut tun uns gute soziale Aktivitäten: Gemeinschaft mit anderen haben, etwas gemeinsam erarbeiten, „lernen“, miteinander über Gott und die Welt reden, ehrenamtlich etwas voranbringen und sich freuen, wenn was klappt; sich den Dank der Gemeinschaft, neudeutsch: Community, gefallen lassen.

Wir sollten mehr von dem tun, was uns gut tut

Wenn sich 40 Leute dafür 1 Stunde pro Woche freimachen würden: was könnte in unserer Gemeinde, in unserem Dorf, in unserer Gemeinschaft nicht alles ins Laufen gebracht werden? Was würdest du tun können – wenn du alle Freiheiten hättest? Was kannst du so gut, dass es dich kaum eine Mühe kostet? Ich kann z.B. Kaffee kochen – auf Knopfdruck gewissermaßen; andere können kochen und backen, Leute besuchen, Jugendliche begleiten… Womit kannst du anderen eine Freude machen? Vielleicht mit einem Ständchen, mit Musik, einem Gedicht, einem Anruf? Nutzen wir das, was wir können, was wir ohne Probleme einsetzen können. Verbringen wir die Zeit sinnvoll mit anderen. Dazu gehört neben der Zeit mit der Familie, den Gesprächen mit anderen und das ehrenamtliche Engagement auch die bewusste Auszeit für die Seele: wir brauchen das: die Auszeit für unsere Seele: Das wieder runterkommen aus dem stressigen Alltag, das kurz mal abschalten können, das alles loswerden dürfen bei Gott. Wir brauchen die Stärkung durch Wort und Sakrament, das Gespräch mit Gott im Gottesdienst und Gebet, wie wir sinnvoll die uns geschenkte Zeit einsetzen können – in seinem Sinne. Ihm sind wir verantwortlich, geben wir ihm und seiner Gemeinde ein Stück von der Zeit zurück, die wir von ihm erhalten haben.

Ich liebe Krimis

Die Geschichte von Kain und Abel in Verbindung mit dem Barmherzigen Samariter

Liebe Gemeinde,

ich liebe Krimis. Gerade erst habe ich die Reihe von Manfred Bomm und seinen Schwabenkrimis durchgearbeitet. Und es vergeht kaum ein Sonntag, an dem ich nicht „Death in Paradise“ schaue – oder einen Tatort. Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett, sagte einmal Felix Leibrock, Pfarrer und Kriminalautor bei einer Lesung seines neuesten Werks. Ich mag die Herausforderungen, das sich hineindenken in die Abgründe der menschlichen Seele, die Suche nach dem Wie und Warum. Da sind wir heute ja genau richtig.

Heute geht es um den ältesten Mordfall der Geschichte der Menschheit. Kain und Abel. Und um den Grundkonflikt: Was hat das eigentlich mit dem barmherzigen Samariter zu tun? Was daran ist denn barmherzig, wenn jemand den anderen drangsaliert, umbringt? Mir kommen grauenhafte Bilder in den Kopf: von Krieg und Zerstörung, ganz aktuell in Afghanistan, wo die einen auf die anderen einprügeln, töten, weil sie einem vielleicht nicht passen, weil sie das in ihren Augen falsche denken oder für andere „feindliche“ Organisationen gearbeitet haben. Gott bewahre, das will ich nicht erleben. Erzählungen kommen hoch über das, was im und nach dem 2. Weltkrieg passiert ist, mit Menschen, die auf der Flucht waren… Da ist der erste Mordfall fast schon unblutig dagegen. Hören wir selbst:

Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. 3 Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. 4 Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, 5 aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.

6 Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? 7 Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.

8 Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. 9 Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? 10 Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.

Das war Mord, kein Totschlag. Nicht beiläufig, sondern geplant. Zeit, Gelegenheit, Motiv, das sind ja die drei Fragen, die sich die Kriminalisten stellen. Die Sache ist klar. Da war jemand neidisch darauf, dass der andere besser angesehen wurde. Niedere Beweggründe, sagt man, man hat schon für weniger gemordet. Eine Beziehungstat. Kain und Abel buhlten beide um die Liebe Gottes. Vielleicht war Abel der Friedliebendere von beiden, Kain derjenige, der schon immer härter gearbeitet hat. Ob er deswegen gewalttätiger war? Jetzt aber eskaliert es zwischen den beiden. Sie können sich nicht mehr in die Augen blicken. Die Emotionen übernehmen. Da ist sie, die „Sünde“, wie Gott sagt, sie nimmt überhand, nicht unter „Kontrolle“ zu kriegen. Alle Warnungen zum Trotz bringt er ihn um. Gewissensbisse?

Wo ist dein Bruder Kain? Gott weiß längst, was geschehen ist – und doch leugnet Kain die Tat, versucht er sich herauszuwinden. Das ist so typisch menschlich. „Sollte ich meines Bruders Hüter sein?“Als ob ihn das Leben des anderen nichts mehr anginge, trotz allem Neid und den ganzen Käbeleien. Aber mit genau dieser rhetorischen Frage gibt er sich ein Ja! Du hast Verantwortung nicht nur für dein eigenes Leben, sondern auch für den Nächsten!

Auch der barmherzige Samariter beginnt als eine Kains-Geschichte: es geschieht zwar kein Mord, aber fast ein Mord. Räuber – Menschen! rauben ihn aus, sie lassen ihn halbtot liegen. So geschieht es auf dieser Welt millionenfach: Menschen nehmen anderen was weg, meist ihre Lebensgrundlage, schlagen sie nieder, unterdrücken andere, führen sich als die Herrscher auf. Es interessiert sie nicht, was mit ihren Opfern geschieht. Halbtot lassen sie ihn liegen. Ist es da ein Wunder, dass Menschen da nur noch weg wollen, fliehen, um ihr Leben rennen? Der Priester, der Levit, Menschen auf dem Weg zur Arbeit, zu dem, was ihnen gerade wichtiger erscheint – sie schauen weg, sie laufen dran vorbei. Sich bloß nicht vereinnahmen lassen, anrühren lassen. Das könnte meinen Plan durcheinander bringen. Aber gerade durchs Wegschauen machen sie sich schuldig. Unterlassene Hilfeleistung, würde man heute sagen. „Sollt ich meines Bruders Hüter sein?“

Heute wird der barmherzige Samariter gelobt, gar Hilfsorganisationen nach ihm benannt. Damals waren die Samariter die Unreinen, das verhasste Brudervolk, Ausländer. Und gerade er schaut nicht weg, lässt ihn nicht liegen, hilft ihm auf, rettet Leben. Das ist gelebte Nächstenliebe, das was Christus uns eigentlich ins Herz geschrieben hat. Grenzenlose Liebe! Nicht schauen, was der andere ist, sondern einfach tun, was geboten ist.

Über die Zeiten des Christentums hinweg war das nicht immer so gelebt worden. Immer wieder sind wir in die Kains-Geschichte zurückgefallen, haben gemordet, geplündert, andere halbtot liegen gelassen, und um sie einen Dreck geschert. Ob im Mittelalter, in den Religionskriegen, im ersten oder zweiten Weltkrieg oder heute, da haben Christen Schuld auf sich geladen. Wir tun uns schwer damit, dass Jesus uns immer wieder Nächstenliebe gepredigt hat. Aber immer wieder wurde gelebte Nächstenliebe praktiziert, von einzelnen, von Gruppen. Mönche, die Hospize, Krankenhäuser, Schulen aufgebaut haben, die Idee von Henry Dunants Rotes Kreuz oder dem Arbeiter-Samariter-Bund: Menschen bedingungslos helfen. Wenn einem alles genommen wurde, die Ehre, die Würde, das, was das Leben ausmachte, ob durch Gewalt, Krieg, Flucht und Vertreibung oder aktuell in Flutkatastrophen, sucht man nach Möglichkeiten, wo man bleiben kann, wo man aufgefangen wird. Ihnen Hilfe zu geben, sie aus gefährdeten Situationen herauszuholen, das ist unser zutiefst christlicher Auftrag. „Sollt ich meines Bruders Hüter sein?“ Geht mich das wirklich an? Ja, und das gilt nicht nur für unsere Nachbarn, die wir gut kennen und häufig genug nicht gut genug; sondern auch für die Flutopfer und die Afghanen, die jetzt Hilfe brauchen, nachdem sie für uns gearbeitet haben. Das wäre barmherzig, das ist Christentum pur – gelebte Nächstenliebe. Alles andere wäre unterlassene Hilfeleistung oder das bewusste in Kaufnehmen von Mord- und Totschlag. Amen.

(Predigt am 13. So. n. Triniatis, 29.08.2021 in der Stadtkirche Bad Salzungen)

Feuerwehr-Predigt oder über die Einsatzbereitschaft von Ehrenamtlichen

Anlässlich des „Diakonie-Sonntags“ 2020, an dem in Tiefenort eigentlich die Feuerwehr „Tag der offenen Tür“ gehabt hätte, trafen wir uns statt dort im Gerätehaus zum Open-Air-Gottesdienst vor dem Pflegeheim „Schanzehof“. Dort wurden nicht nur die Kameraden eingesegnet, sondern auch dem Pflegepersonal auf besondere Weise Danke gesagt. Hier die Predigt dazu…

Liebe Gemeinde,

wussten sie, wie viele Feuerwehreinsätze es so im Jahr gibt? 41521 Feuerwehren gibt es in Deutschland, 22346 davon als freiwillige Feuerwehren. Mehr als 1,3 Millionen Menschen in Deutschland sind in einer Feuerwehr engagiert. Mehr als 203.000 mal rückten die Kameraden 2017 zu Bränden aus – 2.371.765 Einsätze aber galten der Notfallrettung: Bergen und retten. Die wichtigste Aufgabe der Feuerwehr besteht in der Abwendung von lebensbedrohlichen Gefahren für Menschen und Tiere, sei es durch Feuer, Überschwemmungen, einen Unfall, uvm. Aber auch das Schützen gehört dazu: Die Feuerwehr wehrt Gefahren für die Umwelt ab und betreibt aktiven Umweltschutz z. B. mit der Eindämmung von Ölunfällen und mit der Beseitigung von Ölspuren auf Straßen. Die Feuerwehr Bad Salzungen meldete für 2019 223 Einsätze, viele davon Brandbekämpfung, oft auch Hilfeleistung in Notfällen. Überraschend viele Mülltonnen brannten. Bis zum 21.08. gab es weitere 134 Einätze. Am 4. August vermeldete die Feuerwehr Tiefenort ihren 28. Einsatz – ein Brand. Der Einsatz vor dem Pflegeheim am 7. Mai – zum zweiten Open-Air-Gottesdienst war Einsatz Nr. 16. Soviel dazu.

Jeder 8. Deutsche arbeitet im Gesundheitswesen, das sind rund 5,6 Millionen Menschen, davon gut 1 Million Menschen in der Altenpflege. Die medizinische Versorgung steht sicher im Vordergrund, aber dann gibt es ja noch Tätigkeiten, die eher unbeliebt sind, über die keiner gerne redet, weil mit Scham behaftet. Auch hier in Tiefenort, in unserem Pflegeheim, bei den ambulanten Pflegediensten. Denn: 3, 41 Millionen Menschen in Deutschland waren 2017 pflegebedürftig, und es werden mehr.

Nun stell dir vor, du drückst den Notfallknopf – und nichts passiert. Alle drücken sich. Keiner kommt. Wenn du im Graben liegst, mit dem Fahrrad gestürzt bist – und alle fahren an dir vorbei. Natürlich, wir haben alle unsere Entschuldigungen und brauchen erst keine zu erfinden: Keine Zeit, bin gerade gestresst, muss in 5 Minuten in Dermbach sein, keine Lust, wer weiß, wie lange das dauert, dir zu helfen, und überhaupt: ich bin eh nicht der Typ, der anderen unter die Arme greift. Wer also hält an?

Da ist also ein Mensch in Not geraten, erzählt Jesus. Überfallen, geprügelt, geschlagen, vielleicht noch zugetreten. Und liegen gelassen. Und alle gehen vorüber. Alle haben eine Ausrede. Ich könnte mir ja die Hände schmutzig machen. Dass hier die Gut-Gläubigen, Priester und Levit, genannt werden, macht die Sache nicht einfacher. Scheinheilig gehen sie vorüber – wie die sprichwörtlichen drei Affen: Nichts sehen, nicht hören, nichts sagen. Nichts mit Zivilcourage. Nichts mit Einsatzbereitschaft, um Leben zu retten. „Lass sie doch ersaufen“, höre ich selbst von der großen Politik, wenn es um Ertrinkende geht – „haben sie sich doch selbst eingebrockt…“ Dass es um Menschenleben geht, die zu retten sind, wird mit Angst quittiert: sie könnten uns was wegnehmen.

Von Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit keine Spur. Wie sind wir doch verroht in den letzten Jahren. Und setzen dem Verrohen selbst keine Grenzen, greifen dem Rad lieber nicht die Speichen. Gelten denn die einfachsten Grundwerte nicht mehr? Aber wenn es um dich geht: was ist, wenn du Hilfe brauchst, wenn du gerettet, geborgen, zurückgeholt werden müssest, und du merkst: alle drücken sich?

Jesus fragt nicht: wer ist dein Nächster – da gibt es viele, und damit zugleich viele Ausreden. So vielen helfen – geht doch nicht! Jesus dreht den Spieß um: Wem bist du der Nächste geworden?

1875, heute vor 145 Jahren, wurde Albert Schweitzer geboren, ein berühmter Theologe, begnadeter Kirchenmusiker, der Johann Sebastian Bach verehrte und zu neuer Blüte brachte. Vor allem wurde er bekannt als Mediziner, der nach Lambarene, mitten in den afrikanischen Urwald ging, um dort mit den einfachsten Mitteln Menschen zu helfen. Ehrfurcht vor dem Leben – Leben erhalten, das war sein Lebensmotto.

Sanitäter und Feuerwehrleute, Ärzte und Pfleger, Seelsorger und Berater kommen und gehen: sie helfen und trösten in der Not. Sie sind da, wenn man sie braucht – und gehen, wenn sie ihren Job getan haben: Ihre Hilfe ist angekommen, und wurde angenommen. Retten und helfen, trösten und aufbauen – das ist die „Akutversorgung“, die erste Hilfe, der sich alles weitere fügt: Heilung, zur Ruhe kommen, Erholung und das Gefühl: ich bin nicht allein gelassen.

Nächstenliebe hat mit Mit-Menschlichkeit zu tun, mit Respekt voreinander. Wer keinen Respekt vor anderen hat, dem ist der andere schlicht egal. Wer immer nur sein eigenes Wohlergehen in den Mittelpunkt stellt, dem sind die anderen egal. Allerdings bleiben dann sehr viele sprichwörtlich „auf der Strecke“, werden nicht gesehen, bleiben liegen oder ersaufen. Aber das Beispiel vom barmherzigen Samariter zeigt: Du bist nicht egal – du bist mir nicht egal.

Deshalb ist Helfen, jede Art von Einsatzbereitschaft auch ein Akt christlicher Nächstenliebe und ein Akt des Glaubens, nämlich der persönlichen Überzeugung. Und es können auch „Nichtgläubige“ durch ihr Handeln genau das ausführen, was eigentlich Gottes Wille ist, erklärt uns schon Paulus im Römerbrief.

Ich lasse dich hier nicht liegen, nicht verrecken, nicht sterben. Du bist mir nicht egal. Ich helfe dir, ich steh dir bei! Genau so ist Gott – so geht er uns nach! Indem wir so handeln wie er, geben wir anderen Menschen Hoffnung, Trost und Rettung, vielleicht ganz unbewusst. Genau das macht das christliche aus – dass wir auf dem Weg der Nachfolge sind und so handeln, wie Gott es von uns erwartet. Micha 6:8 Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Aber was kriege ich dafür, wenn ich helfe, mich engagiere? Ganz viel zurück an Dankbarkeit. Ich habe während meiner klinischen Seelsorgeausbildung an der Uniklinik in Leipzig einen Z8immermann kennen gelernt, der 14 Meter vom Dachstuhl auf Beton gefallen war – ein Wunder, dass er überlebt hatte. Erstaunlich, was alles nicht gebrochen war. Er meinte, ein Engel habe ihn aufgefangen, und ihn den Sanitätern auf die Liege gelegt. Er fing an zu beten, war dankbar, nicht nur für die „Bewahrung vor Schlimmeren“, sondern vor allem für die neue Chance, die sich ihm durch die Heilung bot. Und er hat sich auf den Weg gemacht, die Sanitäter und Erstversorger, Ärzte und Krankenschwestern eingeladen, um Danke zu sagen. Als er das erzählte, ging das selbst mir unter die Haut.

36 Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war? Fragt Jesus den Pharisäer. 37 Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen! Damit keiner unter die Räder kommt, ist Helfen nicht nur eine gewisse Notwendigkeit, sondern am Ende eine Gewissens-Notwendigkeit.

Daher gilt heute mein, unser Dank allen, die Einsatzbereitschaft zeigen: als Ärzte und Krankenschwestern, in der Pflege und in der Feuerwehr. Und vielfach auch darüber hinaus: allen, die Menschen helfen, in der Familie, unter Freunden, in den Vereinen und unserer Kirche. Für sie alle bitte ich um Gottes Segen – und euch bitte ich: lasst uns heute für sie klatschen! Amen.

Was heißt eigentlich Beten in dieser Zeit – einmal angedacht…

Hast du heute schon gebetet? Den Menschen, den ich das gefragt habe, war kurz irritiert über die Frage – und dann meinte er: tatsächlich: Ich habe heute schon gebetet!

Beten – was ist das? „Man spricht mit jemanden“, sagte mir eine ehemalige Konfirmandin. „Mit jemanden?“ fragte ich zurück? Wer ist dieser jemand? Naja, etwas ganz besonderes. Das kann man schlecht erklären. – So was wie ein Freund? Fragte ich zurück? Anders, sagte sie. Ihm kann ich sagen, was ich selbst meiner besten Freundin nicht sagen würde.

„Beten, das ist ein Dialog“, meinte einer diese Woche am Telefon. „Man gibt was preis“ – und zwar bevor man etwas bekommt. Obwohl, angesichts der Digitalisierung dieser Welt sind wir vorsichtig geworden mit der Preisgabe von Daten und Fakten. „Naja, meinte er, aber bei Gott ist das doch etwas anderes. Ich kann ihm vertrauen, dass er das, was ich ihm sage und anvertraue, nicht gegen mich verwendet!“

Beten, das ist mehr, als wenn ich nur mal eben was loswerden will. Beten ist mehr, als nur mal eben um ein paar Eier zum Frühstück zu bitten. Beten, das ist mehr, als nur mal kurz innehalten im Gespräch vor und bei dem Essen, um nach dem Gebet unvermittelt im Satz fortzufahren. So gesehen wäre Gebet nur eine fromme Unterbrechung, und das wäre mir schlichtweg zu wenig.

Nein, Beten ist bewusste Hinwendung zu Gott. Ich muss mit meinen Gedanken schon dabei sein, oder wie jemand anmerkte: Beim Leistungssport kann ich nicht beten – oder vielleicht gerade da? Beim Orgelspiel, bei der Versenkung in eine Sache – ist das nicht auch ein Vor-Gott-Bringen? Hinwendung zu Gott, ist nicht das ganze Leben ein Leben aus der Perspektive Gottes heraus? Zu ihm hin und von ihm her? Ist unser Leben nicht ein andauerndes Gebet? Und wie häufig bringe ich dann ganz spontan etwas vor Gott? Auf der Autobahn meines Lebens, an der roten Ampel, wenn mir etwas durch den Kopf geht, während ich durch das dichte Grün und die abgestorbenen Bäume unserer Wälder schaue oder über den blauen Himmel staune.

Hinwendung zu Gott – aber wann tun wir das? Sonntags, meinte meine Konfirmandin. Nur Sonntags? Und dann nur alle zwei Wochen? Oder wenn wir uns hier treffen, in der Kirche? Das wäre bitter schade. Aber wo wenden wir uns sonst hin? Wem wenden wir uns zu, und besonders: wann? Wir wenden uns an jemanden, von dem wir Hilfe oder die Lösung aller Probleme erwarten. Die kann ganz unterschiedlicher Natur sein. Vielleicht juckt uns etwas, wir suchen Linderung – und gehen zum Arzt. Vielleicht brauchen wir eine technische Lösung, und gehen zum Handwerker, kaufen die Lösung, die Versicherung, die Hilfe ein. Hinwendung zu Gott scheint da oft die „letzte Lösung“ zu sein, wenn nichts mehr hilft.Das ist mir zu wenig.

Wann also beten wir – wenden uns bewusst an Gott? Wenn wir was wollen, sagt der gesunde Menschenverstand. Not lehrt beten, sagt der Volksmund. Doch uns gehts gut, stellen die Forscher fest. Selbst mit Corona sagen über 70% der Menschen, dass sie nicht wirklich betroffen sind – keine Not leiden, die Not noch nicht bei ihnen angekommen ist. Warum auch: es gibt doch alles zu kaufen.

Und doch: mich berührt die Not derjenigen, die keinen Besuch empfangen können in den Pflegeheimen. Die allein gelassen sind in den Häusern. Mich berührt die Not derer, die um jedes Leben kämpfen, und nicht immer siegen. Ich wünsche keinem, so einsam zu sterben. Ich sehe die Überforderung der Familien, zu Hause mit Kindern gleichzeitig arbeiten zu müssen, auch wenn diese Woche mit der Rückkehr vieler in die Schule ein Stück Normalität einkehrt. Wir haben viel gelernt. Mich bedrückt die Not derer, die ihr Geschäft aufgeben müssen, weil die letzten Wochen alle Reserven aufgefressen haben – und nicht wissen, wie es weiter geht. Andere stellen sich die Grundsatzfrage: Werden wir überhaupt noch gebraucht, wenn dieses oder jenes nicht möglich ist? Müssen wir uns nicht neu erfinden? Und es sind die betroffen, die schon vorher betroffen waren: die Armen, die Obdachlosen, die Flüchtlinge, vor deren Leid wir die Augen so gerne verschließen.

Bete und Arbeite. Ora et labora. Es tut uns gut, den Alltag bewusst zu unterbrechen und vor Gott zu bringen, was uns bedrückt – all das, was wir eben nicht können. Und dann wieder in die Hände zu spucken – gerade so sind die größten Entdeckungen und Erfindungen dieser Welt entstanden. Bete, als ob alles arbeiten nicht nütze, und arbeite, als ob alles beten nichts nütze, sagte Martin Luther einmal.

So ermahne ich nun, sagt Timotheus, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen… Ohne Ausnahme. Für die Regierenden und die, die ganz unten am Boden liegen. Für uns und die anderen. Und dann zurück in den Alltag, die Herausforderungen bestehen. Amen.

Hier ein Live-Mitschnitt vom Open-Air-Gottesdienst vom Sonntag, 17. Mai 2020 – Abendgebet um 18 Uhr aus Langenfeld.
https://youtu.be/ebP1xFQ9MJk

Was ist das wichtigste? Über die Zeit zum Nachdenken…

Im Evangelium nach Markus 12, 28-34 (Bibel: Hoffnung für alle) lesen wir heute (20.3.2020) in der sogenannten fortlaufenden Bibellese:
28 Ein Schriftgelehrter hatte zugehört und war von der Antwort beeindruckt, die Jesus den Sadduzäern gegeben hatte. Deshalb fragte er ihn: »Welches von allen Geboten Gottes ist das wichtigste?« 29 Jesus antwortete: »Dies ist das wichtigste Gebot: Hört, ihr Israeliten! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. 30 Ihn sollt ihr von ganzem Herzen lieben, mit ganzer Hingabe, mit eurem ganzen Verstand und mit all eurer Kraft. 31 Ebenso wichtig ist das andere Gebot: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst! Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden.«

32 Darauf meinte der Schriftgelehrte: »Lehrer, du hast Recht. Es gibt nur einen Gott und keinen anderen neben ihm. 33 Ihn sollen wir lieben von ganzem Herzen, mit unserem ganzen Verstand, mit ganzer Hingabe und mit aller Kraft. Und auch unsere Mitmenschen sollen wir so lieben wie uns selbst. Das ist mehr als alle Opfer, die wir Gott bringen könnten.« 34 Jesus erkannte, dass dieser Mann ihn verstanden hatte. Deshalb sagte er zu ihm: »Du bist nicht weit von Gottes neuer Welt entfernt.« Danach wagte niemand mehr, Jesus weitere Fragen zu stellen.

Was ist wichtig, was nicht? Diese Frage stellt sich im Augenblick vielen angesichts der Corona-Krise. Das Land fährt herunter – shut down. Immer schärfer werden die Verordnungen; Geschäfte schließen zwangsweise, andere haben nichts mehr zu bieten, weil so manche nicht nur vor-sorgen, sondern schlichtweg raffen und hamstern. So kommt es zu Notständen – selbst in einem so reichen Land wie Deutschland. Die Angst geht um, nicht nur um die Ansteckung mit dem Virus, sondern vielmehr die Angst, ob ich genug Essen im Kühlschrank habe und genug Toilettenpapier. Für andere ist das die pure Existenzangst – keinen Job mehr zu haben.

Viele müssen zu Hause bleiben: Zwangsurlaub, weil Geschäfte und Betriebe schließen, Schulen und Kindergärten zu sind, wir keine Betreuung haben. Es sind vor allem die kleinen Leute, die sich Sorgen machen, und um die ich mir Sorgen machen.

Verordnete Fastenzeit, so hat es unser Landesbischof Friedrich Kramer am 15.3. in seinem Radiogottesdienst gesagt. Zeit, selbst etwas herunter zu fahren. Zeit, ins Nachdenken zu kommen. Muss ich immer alles haben, was ich sehe? Ist das alles wirklich wichtig?

Fahren wir einfach mal runter. Schalten wir das Internet ab – spare ich mir die vielen Nachrichten, die mir Angst machen. Ok, für manche wird das schwierig. Sie wollen verbunden sein – so am Leben der anderen teilhaben. Ist das ein Drang, eine Sucht? Können wir auch ohne Technik, aber viel direkter miteinander? Und gibt es da nicht noch viel mehr, was mein Leben reich macht, bereichern könnte – was ich bisher vor Hektik einfach übersehen habe?

Was ist wichtig – in meinem Leben, was nicht? Schaue ich nur nach rechts oder links, oder auch nach oben in dieser Zeit? Woher nehme ich Zuversicht und Hoffnung?

Gläubige Menschen vertrauen auch in der Krise auf Gott, von dem sie alles erwarten. Psalm 121 bringt das im ersten Satz auf den Punkt: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat. Jesus selbst wird gefragt: „Was ist das höchste Gebot?“ Und er antwortet: Mk 10: „Dies ist das wichtigste Gebot: Hört, ihr Israeliten! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. 30 Ihn sollt ihr von ganzem Herzen lieben, mit ganzer Hingabe, mit eurem ganzen Verstand und mit all eurer Kraft. 31 Ebenso wichtig ist das andere Gebot: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst! Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden.“

Jesus antwortet mit dem Doppelgebot der Liebe. Das ist im Kern das ganze Christentum, die ganze Grundlage. Gott lieben – und den Nächsten – und sich selbst. Ein Drehkreis, wie ein Motor mit drei Polen. Ich nenne es auch das theologische Dreieck. Ohne die drei Pole wird unser Leben eben nicht rund laufen. Wenn ich nur an mich selbst denke – wird mein Leben ebenso stottern wie wenn ich mich beim Nächsten verausgabe.

Erst wenn ich zur Ruhe komme und mich öffne, entdecke ich die Kraftquelle, die mich füllt. Gott füllt mich und schätzt mich wert – damit ich den Nächsten genau so wert-schätzen kann.

Von Gott her denken lässt mich auch erkennen, was jetzt wichtig ist: Wir haben Verantwortung füreinander.

Das heißt: dem Virus keine Chance zur Verbreitung geben, sich und andere nicht anstecken und nicht zum Überträger zu werden: zum Schutz der Schwachen also Rücksicht und Verzicht üben. Und zugleich auf die schauen, die Hilfe nötig haben und mit ihnen im Gespräch, im Austausch bleiben: am besten telefonisch. Dann kann Hilfe auch ganz konkret aussehen: füreinander sorgen, dass das Lebens-Not-wendige da ist.

Das heißt für mich zugleich, das theologische Dreieck neu zu durchdenken: Das, was Gott mir gibt und zugesteht, auch den anderen (und zwar allen anderen) zuzugestehen.

Deshalb könnte man angesichts vom lock down ganz grundsätzlich neu und anders denken: Wenn wir unsere Selbstverständlichkeiten „abschalten“ können, um Menschenleben zu retten, können wir das, nämlich Menschenleben retten, nicht auch angesichts der globalen Krise und denen helfen, die betroffen sind von Hunger und Dürre, von Wasserknappheit und Überschwemmungen? Muss sich nicht unsere Produktlandschaft, unsere Art zu wirtschaften und einzukaufen, ändern, damit Krisen abgemildert und gar verhindert werden und die Welt ein wenig gerechter wird?

Wir haben angesichts des Stillstands dazu die ultimative Chance, genau das einzuüben. Fragen wir uns, was für uns wirklich wichtig ist – und wie wir das Doppelgebot des Glaubens in unserem Leben gut umsetzen können. Nutzen wir die Chance dieser Fastenzeit.

Leben in Verantwortung vor Gott und den Menschen

Predigt zum Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr 2019

Liebe Gemeinde,

manchmal sind es Blitzsekunden, in denen das Leben noch einmal vor einem abläuft. Patienten, die auf der Unfallchirurgie in Leipzig lagen, wo ich für die spezialisierte Seelsorge-Ausbildung KSA eingesetzt war, erzählten von ihren größten Schockmomenten. Als sie von der Leiter stürzten oder mehr als 18 Meter vom First eines Daches. Freier Fall, eine Beschleunigung von fast 10 m/s2.

Was da in einem Menschen vorgeht, ist unglaublich. Erinnerungen werden wach. In unendlicher Geschwindigkeit laufen Szenen über das innere Auge. Alles, was nicht verarbeitet erschien, wird noch einmal vorgeholt. Detailreich können Patienten, die wieder aufwachen, beschreiben, was sie in solchen Sekunden erlebt haben.

Mit ist dort klar geworden: Unser Gehirn vergisst nie. Wir verdrängen vielleicht. Wir schieben Erlebtes als scheinbar unwichtige Begebenheit beiseite, weil wir von anderem intensiver in Anspruch genommen wurden. Und doch brennen sich Situationen unlöschbar in unser Gehirn ein – und werden in besonderen Momenten wieder hervorgeholt. Es sind Momente der Demütigung, der Scham, des Hasses, auch des Triumpfs über andere. Unbedachte, weil unbewusste – und im Nachgang auch ungewollte – Äußerungen, die man gerne hätte rückgängig machen wollen. Situationen, in denen man jemanden zutiefst verletzt hat – und man erst im Laufe der Zeit erkannt hat, wie sehr jener Moment den anderen betroffen gemacht und sogar sein Leben verändert hat.

Sie sind nicht verarbeitet worden. Sie wollen geklärt werden, oft in Situationen, wo einem der eigene Tod vor Augen steht, man panische Angst davor hat, es könnte das letzte gewesen sein, was man tut.

Sekundentraum mit der Bitte um Vergebung – es ist das einzige, was bleibt, sagen Patienten, die einen tiefen Fall hinter sich haben. Die hart am Boden aufgekommen sind. Die nicht wussten, ob sie das überleben und wie. Menschen, die ungewollt und oft unbeabsichtigt in genau diese Situation gekommen sind, dass Sie abstürzen, dass ihr Leben in Sekunden an ihnen vorbeizieht.

Andere können nicht schlafen. Ob Tags oder Nachts, sie haben immer wieder die gleichen „Tagträume“. Erlebte Situationen auf dem Schlachtfeld, erfahrene Schmach und Pein, das erste Mal, dass man jemanden hat schlagen oder töten müssen, auf Geheiß anderer. Kurt B. z.B: war einer davon. Ich hab ihn und seine Frau zu seiner Diamantenen Hochzeit kennen gelernt. Daraus ist eine intensive Beziehung entstanden. Letztes Jahr starb er 98-jährig. Er sagte: „Es müssen erst Widerstände in einem gebrochen werden, bis man auf Menschen einsticht, sie umbringt. Man muss erst lernen, abzustumpfen, um mit den Wunden und dem Schreien der Opfer klarzukommen. Das Feinbild muss groß genug aufgebaut worden sein, dass Menschen von Ost und West, von Nord und Süd, übereinander herfallen – oder die Existenz bedroht sein.“ Er hat sich die Seele aus dem Hals geschrien – und mir darüber sein Tagebuch zukommen lassen. Wie schwer ist es für die, die mit dem geschürten Hass nicht klarkommen. Die Täter und Opfer zugleich geworden sind. Er musste das loswerden, um sterben zu können.

„Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi,“ heißt es in unserem Wochenspruch 2. Kor 5,10a, den ich zur Grundlage dieser Predigt gemacht habe. Es gibt eine Letzt-Verantwortung – und es gibt zumindest die Ahnung davon in einem jeden von uns. Dass wir uns am Ende für unser Leben verantworten müssen: für das, was wir getan haben, und für das, was wir hätten tun können, aber nicht übers Herz gebracht haben.

Wir werden uns verantworten müssen für das, was uns bewusst ist und uns selbst weh tut, und für das, was wir verdrängen und verdrängt haben, womit wir uns nicht auseinandersetzen wollten. Weil wir zu feige waren, weil wir keine eigene Position hatten, weil wir nicht in die Ecke gedrängt werden wollten, weil wir auf andere gehört haben.

Wir werden uns auch verantworten müssen für das, was wir hätten tun können, aber nicht getan haben – aus Bequemlichkeit oder falschem Anstand heraus. Wo wir nicht entschieden „NEIN“ gesagt haben, sondern weiter mitgemacht.

„Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ sagt die Bibel, und uns ist klar: es wird kommen. Ob in diesen letzten Sekunden eines Unfalls oder als längerer Prozess: Wir werden uns unserem Leben stellen müssen.

Patienten, die Seelsorge in Anspruch nahmen, erzählten, wie sie – ohne fromm oder gar gläubig zu sein – in diesen Schrecksekunden gebetet hätten. Die um Vergebung gebeten hätten: Gott, weil sie die Dinge nicht mit anderen haben regeln können. Und als sie aufgewacht sind, angefangen haben, mit ihren Angehörigen über diesen Traum, dieses Erhörungserlebnis, zu sprechen und die erfahrene Vergebung Gottes nun auch von ihnen erbaten.

Die Chance jetzt besteht darin: Dinge zum Guten zu verändern. Bewusst auf Haltung und Verantwortung zu achten. Und es anders zu machen.

Leider nehmen wir – wie so häufig – vieles auf die leichte Schulter. Oder sind durch den Alltag so eingespannt, dass wir nicht zum Nachdenken kommen. Wie häufig braucht es daher solche Tiefschläge, solches Fallen-gelassen-werden, so ein Aufgefangen-werden, um ein neuer Mensch zu werden?

Ich wünsche uns, dass wir uns dafür immer wieder Zeit nehmen. Zeit, den Tag Revue passieren zu lassen und im Gebet vor Gott zu bringen. Ich wünsche uns Auszeiten, die wir uns bewusst nehmen, um über unser Leben ins Nachdenken zu kommen – und seelsorgerliche, geistliche Begleitung, um es vor Gott zurechtrücken zu können. Ich wünsche uns, dass uns das nicht erst durch einen Tiefen Fall passiert, das wir erleben, wie unser Leben an uns vorbeizieht – und wir vielleicht nicht mehr aufwachen. Leben wir, was Gott uns aufträgt, in Verantwortung vor ihm und uns. Amen.

Gesehen werden – und heil werden – Predigt zu Apg 3, 1-10

Liebe Gemeinde,

Menschen, denen die Augen geöffnet werden, denen es wie Schuppen von den Augen fällt, darum geht es heute in den Lesungen. Menschen, die Zuwendung erfahren, die Gott selbst erkennen in dem, was ihnen begegnet. Menschen, die plötzlich beginnen aufzustehen und ihr Leid, ihre Not vergessen. Menschen, die mit einem Mal eine neue Qualität ihres Lebens mit Händen begreifen und anfangen, für Gott neu zu brennen. Denen ihr Glaube geholfen hat.

Glauben, das ist ja so eine Sache. Wer mit dem Glauben wenig am Hut hat, der macht sich schnell lustig über solche, die das persönlich erlebt haben, das ihnen ihr Glaube geholfen hat. Dass sie angerührt wurden von einer Kraft, die übermenschlich, aber wirkmächtig ist. Menschen, die z.B. nach Lourdes fahren, um in der Grotte diese Heilkraft für sich zu erfahren. Und eine Veränderung erleben, diese tiefe Ergriffenheit, einfach da gewesen zu sein, die tausenden von Menschen, die glaubend, zögernd, suchend und erwartend mitfiebern und diese ganz besondere Qualität des Erlebnisses ausmachen. Manchmal muss man dafür nicht an besondere Orte fahren. Manchmal passiert das direkt vor der Kirchentür, direkt vor unseren Füßen.

Da liegt mal wieder so einer rum. Einer, der von Geburt an behindert war, nicht gehen konnte, auf die Hilfe anderer angewiesen war. War es Kinderlähmung? War es ein Gendefekt? Wir wissen es nicht. Bettelnd schlägt er sich durchs Leben. Er kennt die Ablehnung durch die Menschen. Entsprechend gering ist die Erwartung. „Haste mal ne Mark?“ ( – Pause – )

Sehen wir ihn vor unserem Auge? Man kennt ihn doch. Der lungert immer da rum. Meistens mit ner Kippe im Mund, oft mit Alkohol in der Hand. Mit dem ist nichts mehr los – dem ist doch nicht zu helfen… Achtlos gehen wir an ihm vorbei, wollen mit dem Pack, dem Dreck, dem Abschaum nichts zu tun haben.

Erwischt…

Erwischt? Wie ist unser Umgang mit denen, die uns nicht passen, die offenkundig nicht dazugehören können und wollen – Bettlern, Obdachlosen, Krüppeln, Mißgestalten, Behinderten. Widern sie uns an, ekeln wir uns vor ihnen, halten wir Abstand? Vor allem aber: Gehen wir auf sie zu?

1 Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. 2 Und es wurde ein Mann herbeigetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, das da heißt das Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. 3 Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen.

4 Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! 5 Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. 6 Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!

Meine Güte, was für eine Begegnung. Fast so wie ein 6er im Lotto, bloß dass dem Gelähmten am Ende etwas viel Wertvolleres als Gold und Silber geschenkt wird: Die schon lange abgeschriebene Gesundheit, das Ende einer entwürdigenden Qual. Damit hat er wohl nicht gerechnet. Seine Reaktion legt Zeugnis dafür ab. Petrus und Johannes – die beiden waren in der Tat ein Volltreffer für den gelähmten Mann: Gold und Silber habe ich nicht. Aber was ich habe, das gebe ich dir!

Petrus und Johannes gehen nicht achtlos an ihm vorbei. Sie sehen seine traurigen Worte, die unerfüllte Erwartung, den müden Blick, die Enttäuschung in den Augen, die Hilflosigkeit, das Angewiesensein auf Unterstützung, die ihn selbst nervt. Sie sehen hin, sie sehen genau hin, gehen nicht achtlos an ihm vorbei. Und ich glaube, das ist der erste Teil dieses Wunders, das passiert. Sehen und gesehen werden, und zwar aus den Augen Gottes: Du bist es wert, gesehen zu werden, gerade auch du mit deinen Problemen, deinen Handicaps, deinen Beeinträchtigungen, deinen Be-Lastungen, deinem Rückzug. Sie sehen ihn mit anderen Augen an, und sehen, was in ihm steckt.

Mach die Augen auf…

Dann fordern sie ihn auf: Mach deine Augen auf, sieh uns an. Sie steigern damit seine Erwartungshaltung, zumindest aber seine Aufmerksamkeit. Sie holen ihn raus aus seiner Lethargie, aus seiner Verzweiflung, seinem Kokon, seiner Ich-Bezogenheit, seinem Selbstmitleid. Was willst du wirklich? Deine Rolle weiter spielen, die du perfektioniert hast, oder eine andere Qualität von Leben, Heilung erfahren an Körper und Seele, von tiefstem Herzen, von innen heraus heil werden? Sie begegnen ihm auf Augenhöhe, nicht abwertend, nicht vorurteils-geladen, sondern mit Liebe, Zuneigung, authentisch und ehrlich.

Ich will nicht, dass du weiter so vor dich hin „vegetierst“

Dann die Enttäuschung: Er bekommt nicht das erbetene, sondern was ganz anderes. Gott gibt anders als wir denken. Nicht das, worum wir bitten. Sondern das, was hilft. Gott nutzt dazu Menschen wie Petrus und Johannes. Gold und Silber hab ich nicht. Nicht das erbetene. Nicht das, worauf du erstmal spekulierst, damit du so weiterleben kannst wie bisher. Vielleicht heißt es auch: Gold und Silber geb ich dir nicht, bewusst nicht – ich will nicht, dass du weiter so vor dich hin „vegetierst“. Aber was ich habe, gebe ich dir. Die Sicht Gottes auf dich, der das Potential in dir sieht. Der sieht, dass da mehr ist als nur der „Krüppel“. Der dir Kraft zur Überwindung schenken kann. Glaubenskraft. Also nimm meine Hand und steh auf!

Was können wir geben? Gold oder Silber: Natürlich, so können wir uns am leichtesten „frei-kaufen“. Aber ist das christlich? Ich wünschte mir mehr: was ich hab, das geb ich dir: diesen Blick in Vollmacht aus dem Gebet heraus, den Blick mit Gottes Augen auf die Menschen um uns herum. Mehr Nächstenliebe, mehr Menschen-Würde und Würdigung, d.h. bewusstes Wahrnehmen anderer Lebensentwürfe, mehr Herz statt Ausgrenzung, mehr Zeit zur Begegnung und echtem Kennen lernen, Zuwendung, das Sehen des anderen, Geborgenheit und Liebe, Engagement und Mittel, um zu helfen – und wir bekommen ganz viel davon zurück. Womöglich schaffen wir nicht solche spektakulären „Events“ wie Petrus und Johannes. Aber auch wir können solche Wunder-Heilungen erleben, wenn und weil dann auch unsere Wunden tief im inneren geheilt werden. Und dann bleibt nur noch eins: Gott loben für das, was er an uns tut. Amen.

Konfirmation 2019

Neun junge Leute wurde am 12. Mai in der Peterskirche in Tiefenort konfirmiert. Ein Fest für die Jugendlichen, geehrt mit einem vollen Haus, toller Musik dank den Sängerinnen und Sängern von Klankvolk unter Leitung von Fr. Woelkner. Dazu eine Predigt, die zum Nachdenken anregt.

Den Link zur Predigt finden Sie hier.

1. Christtag 2018 – Predigt zum Johannes-Prolog

Es ist der Anfang: ein Prolog. Wie überall gibt es einen Anfang. Am Anfang war – Bereschit barah: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. So fängt die Bibel an. Mit dem Nichts. Mit der Schöpfung aus dem Nichts. Mit Gottes Gegenwart, mit einem Hauch. Mit dem Chaos über der Erde, dem Tohubawohu und der Ordnung, dem Paradies, das Gott daraus machte. Am Anfang steht der Schöpfungswille – und das Wort, aus dem alles Wurde. Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.

Größer und umfassender kann man nicht einsetzen – und Johannes tut das. Er ist sich seiner Größe bewusst: der Größe Gottes. Gott macht – das ist seine erste Aussage, indem er an den Schöpfungsprolog erinnert. Er steht am Anfang – durch sein Wort ist alles, was ist. Licht und Schatten, Himmel und Erde, Wasser und Luft. Er ist der Macher der Geschichte. Er ist derjenige, dem alles unterliegt. Die Mächte und Gewalten. Die Geschichte und Geschichten. Mit ihm beginnt die Geschichte dieses Planeten Erde, von dem Astro Alex sich wünschte, dass wir anders den nachfolgenden Generationen hinterlassen würden.

Mit ihm beginnt Menschheitsgeschichte. Die Erwählung von Abraham, Isaak und Josef als die Erzväter; die Berufung des Volkes Israel, die Geschichten um Flucht aus Ägypten und Eroberung Palästinas. Und Gott ist mittendrin: Am Tag als Wolkensäule, bei Nacht als Feuersäule. Er geht mit, er leidet mit, er ist da. Immer wieder beruft er Menschen, die er mit seinem besonderen Geist ausgestattet sind, die in seinem Namen sprechen: Mose und die Propheten. Und dann Johannes selbst. Johannes den Täufer. Einer, der von sich weg verwies auf den, der da kommen sollte: Jesus, der Christus, der Messias, der Gesalbte, der von Gott berufene. Retter der Welt. Einer, der sein Volk wieder eint und zusammen führt und wieder Gott näher bringt, so die Hoffnungen. Johannes, der Zeuge, der vom Licht Zeugnis geben sollte, das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet.

Da ist Dynamik dahinter und ein Stück Dynamit: Gott ist Licht – und kommt zu den Menschen, und damit beginnt Weihnachten, eine weihevolle, die von Gott geweihte Nacht. Mit der Freudenbotschaft, mit dem Lichterglanz. Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie. Die Herrlichkeit des Herrn, zum greifen nah!

Aber er wäre nicht Bote, Engel, wenn er von sich selbst verweisen würde auf die Krippe und die Botschaft: (Lk 2,10-12) Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

Gott macht sich auf den Weg, hin zu seinen Menschen. Zu den Menschen, die er einmal liebte – und die meinten, sie bräuchten keinen Gott. Er macht sich auf den Weg zu den Menschen, die sich von ihm losgesagt haben, weil sie sich selbst verwirklichen wollten, weil sie meinten, er stünde ihnen im Weg. Menschen, die nichts mehr erwarten von anderen außer von sich selbst. Menschen, die nur im eigenen Können und Vermögen ihren Erfolg sehen. Die Weihnachtsgeschichte erzählt: Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Er kommt nach Hause, aber da ist niemand, der ihn erwartet.

Vielleicht hören sie nicht hin / Vielleicht sehen sie nicht gut / vielleicht fehlt ihnen der Sinn / oder es fehlt ihnen Mut – dichtete Xavier Naidoo mit den Söhnen Mannheims in seinem Lied: Vielleicht. Es ist ein Glaubenslied, ein stilles Glaubensbekenntnis in einer Zeit ohne Glauben. Mit dem Vielleicht scheint er einige in Schutz nehmen zu wollen, diejenigen, die nicht wahrhaben wollen, dass es Gott gibt, dass er in diese Welt gekommen ist. Und spiegelt zugleich die Realität, von der Johannes spricht: Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Vielleicht kam er einfach zur falschen Zeit?

So sind Menschen eben, sagt Xavier Naidoo; und dann: alles was zählt ist die Verbindung zu dir. Er hat etwas entdeckt, was ihn überzeugt hat. Ihm ist ein Licht aufgegangen. So, wie Johannes es sagt: Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben. Gottes Kinder, seine direkten Nachkommen, seine Erben. Denn sie sehen, was die Welt nicht sehen konnte oder nicht sehen wollte: Gott selbst, Gott im Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Sie sehen, was dieses Kind in der Krippe bewirkt, von dem die Engel berichteten, das die Hirten sahen, dem die Weisen aus dem Morgenland huldigten. Dass Menschen zueinander finden und zu Gott, wenn sie ihn anschauen, wenn sie in seine Krippe schauen, dieses göttliche Lächeln sehen und entdecken, dass sie selbst es sind, die in diesem Augenblick von Gott so geliebt werden. Sie sehen, dass dieser Jesus von Gott spricht wie von seinem eigenen Vater, und man spürt Gottes Nähe in jedem Wort, in allem, was er tut. Gott wird Mensch, er erniedrigt sich selbst. Er macht sich klein, kommt uns zum Greifen nah in diesem Kind in der Krippe. Und bleibt doch Gott selbst. Gott von Gott, wahrer Gott von wahrem Gott, gezeugt, nicht geschaffen.

Mit ihm zieht wahre Menschlichkeit ein. Er ist der Anfang – der schon immer war, und in seiner Hand liegt das Ende, so hoffen wir. Wir können ihn schauen, wenn wir uns für ihn öffnen. Wenn wir ihm vertrauen, werden wir im Glauben erkennen, wer er wirklich ist: Gott von Gott, wahrer Mensch und Gott zugleich. Ein Glaubensbekenntnis. Und doch nicht in all seiner Größe fassbar.

Größer und umfassender kann man nicht einsetzen. Johannes fängt an, groß zu denken – und verweist auf den Größten von allen: Jesus Christus, zu uns gekommen im Kind in der Krippe. Einer, der sich nicht aufspielen muss, um groß zu sein. Sondern einer, der Verbindung schafft zwischen dir und mir und zwischen dir und Gott. Das dürfen wir erkennen und erfahren, das dürfen wir bezeugen. Denn alles was zählt, ist die Verbindung zu ihm.

Amen.