Der Fingerzeig des Johannes – Dialogpredigt vom 24.06.2018 in Tiefenort

Sag mal, weißt du eigentlich, was für ein Tag heute ist?

Ja, natürlich. Heute ist Sonntag.

Und?

Heute ist Stadtfest. Drei Tage lang haben die Leute gefeiert. Musik und Stimmung bis spät in die Nacht. Kein Wunder, dass die Leute feiern, waren es doch die längsten Tage des Jahres!

Ja, aber denke mal daran, wie viel Zeit und Kraft haben andere Menschen investiert, damit so ein Fest funktioniert! Es läuft nicht von heute auf morgen. Und was noch?

Genau: Sonnenwende – und: diese heidnischen Sonnen-Wend-Feiern.

Und?

Na, 6 Monate vor Weihnachten! Nur noch 6 Monate. Was ich noch alles einkaufen muss. Geschenke, Deko, den Weihnachtsbaum bestellen. Soll ich jetzt mit den Vorbereitungen beginnen? So einen Baum wie im letzten Jahr …

Und?

Wie und?

Du kommst nicht drauf?

Ich weiß: Spieltag in der Gruppenphase der WM in Rußland. Ganz schön heikel für den Trainer, der die Mannschaft trainiert: 4 Jahre lang bereitet er die Spieler auf den Höhepunkt der Fußballwelt vor. Es war doch enttäuschend, wie die Deutschen da gegen Mexiko verloren haben, das Spiel gestern war schon besser. Ist ja eigentlich nicht mein Thema, aber wenn du das meinst… die Ganze Welt schaut zu auch auf den Trainer!

Nein, das meine ich nicht.

Was denn? Ich komm nicht drauf!

Na Johannestag!

Johannistag? Was ist denn das? Was hat denn der 24. Juni mit meinem Bruder Johannes zu tun? Der hat doch am 10. August Geburtstag!

Den mein ich nicht. Ich meine Johannes den Täufer!

Ach, ja. Ich dachte mir schon, dass du was biblisches meintest – wo wir hier in der Kirche sind. Und, hast du schon ein Geschenk gekauft ?

Ach nein. Der lebt doch schon lange nicht mehr. Aber interessant der Typ. Ich muss dir unbedingt davon erzählen!

Na, komm, leg los. Spann mich nicht so auf die Folter!

1. Die Vorgeschichte

Weißt du, es war einmal, vor langer Zeit, es sind jetzt gut mehr als 2000 Jahre her, da bekam Zacharias…

Moment, du wollest mir was von Johannes erzählen!

Ja, warte doch mal ab! Zacharias war sein Vater. Und was der erlebt hat! Also, Zacharias, das war ein gottesfürchtiger Mann, ein Priester. Seine Frau Elisabeth konnte keine Kinder bekommen. Wie lang hatten die beiden gehofft und gefleht um eine Lösung. Eines Tages ging er in den Tempel, und da erschien ihm ein Engel, ein Bote Gottes! Der sagte ihm: Deine Gebete wurden erhört. Deine Frau wird ein Kind bekommen. „Du wirst Freude und Wonne haben und viele werden sich über seine Geburt freuen! Und er wird viele der Israeliten zu dem Herrn, ihrem Gott, bekehren.!“

Wow, was für eine ehrfürchtige Sprache! Und was für eine Ansage mit Auftrag: er wird sie bekehren!

Ja, das steht so in der Bibel!

Und was passierte dann?

ER konnte es einfach nicht glauben – und seine Frau auch nicht. Doch dieser Engel, er hieß Gabriel – meinte: du wirst verstummen und nicht reden können bis zu dem Tag, an dem dies geschehen wird, weil du meinen Worten nicht geglaubt hast, die erfüllt werden sollen zu ihrer Zeit. Und klack: Von der Stund bekam Zacharias kein Wort mehr aus dem Mund. Selbst als sein Kind geboren war, und er gefragt wurde, wie das Kind heißen soll, musste er um eine Tafel bitten. Und er schrieb: Er soll Johannes heißen.

Wie Johannes? Einfach so?

Naja, normalerweise war es üblich, ihn nach dem Vater oder Großvater zu nennen. Aber Zacharias schrieb: Er soll Johannes heißen.

Das muss doch eine Bedeutung haben!

Ja, es heißt: „Gott ist gnädig“.

OK, jetzt kann ich was damit anfangen. Und: was ist aus ihm geworden? Warum ist dieser Johannes so was besonderes?

2. Auftrag: Umkehr predigen

Nun, er war ein besonderer Mensch, von Anfang an. Auserwählt, berufen, eben ein Mann Gottes, ein Prophet. Genau so sollte er leben, und der Engel sagte zu: er wird schon von Mutterleib an erfüllt werden mit dem Heiligen Geist. … Und er wird vor ihm hergehen im Geist und in der Kraft des Elias, zu bekehren die Herzen der Väter zu den Kindern und die Ungehorsamen zu der Klugheit der Gerechten, zuzurichten dem Herrn ein Volk, das wohl vorbereitet ist. (Lk 1,15ff)

Du redest in Rätseln. Von wem redet er?

Er ist genau 6 Monate vor Jesus auf die Welt gekommen. Und er hatte einen besonderen Auftrag. Schon Jesaja sagte: (Jes 40, 3-5 = Lk 3,4) „Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden!“

Bereitet ihm den Weg. Das hört sich für mich schwierig an. Sich in den Dienst stellen für jemanden anderen. Für jemandem was machen, das ist in unserer Gesellschaft nicht leicht. Wer setzt sich schon z. B. in einem Betrieb für seinen Chef ein? Der Mitarbeiter will eher umgekehrt vor seinem Chef glänzen, so berühmt sein wie sein Chef und nach dem Chefsessel streben. Aber wer stellt sich heutzutage gerne in den Hintergrund? Ist es nicht so in unserer Ellenbogengesellschaft: Wer nicht für sich kämpft, bekommt nichts vom Kuchen ab? Wer setzt schon seine ganze Kraft dafür ein, dass seinen Mitmenschen gut geht. Da kriegt man doch nur Ärger ab. Eigentlich ist das doch eher umgekehrt in der Gesellschaft. Da setze ich meine Kraft und meinen Verstand, mein Können lieber für mein Wohlergehen und Wohlbefinden ein. Ich setze alles auf den Aufstieg in meiner Arbeitsstelle, damit ich gutes Einkommen habe und Ansehen bei den anderen genieße. Mit so einem „Bereite jemanden den Weg“ habe ich eher so meine Probleme.

Klar, das hast du schön auf den Punkt gebracht. Keiner will sich erniedrigen, sich für den anderen die Hände schmutzig machen. Jeder ist sich selbst genug. Man braucht keinen, der besser ist als man selbst. Johannes geht in diese umgekehrte Welt. Er macht das Gegenteil. Er braucht keinen Ruhm. Er stellt sich bewusst in den Dienst, nimmt diesen Auftrag an. Er nimmt sich bewusst zurück, stellt sich ganz und gar in den Hintergrund. Er setzt sich mit seinem ganzen Leben für seinen Chef, für Jesus ein. So sagt er über Jesus, wie die Bibel uns berichtet: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ (Joh, 3,30) Er hat gepredigt und ermahnte die Menschen, umzukehren. Er sah dieses Unrecht und rief den Menschen zu: „Kehrt euch zu Gott um, denn der Herr kommt gewaltig!“

3. für die Sache Gottes eintreten

Umkehr predigen. Das stelle ich mir schwierig vor. Die Menschen sind doch solche Gewohnheits-fanatiker. Die Menschen heute wollen von Gott doch eigentlich nichts wissen. Gerade nichts, was Moral und das eigene Leben angeht. Die machen doch am liebsten genau so, wie sie es schon immer machten – oder wie andere es ihnen vormachen. Die überlegen häufig doch gar nicht lange, was richtig oder falsch ist, Hauptsache, es läuft. Die zehn Gebote erleben sie doch eher als Einschränkung als einen Gewinn. Und das Liebesgebot, das allen gilt, ist bei richtiger Umsetzung ganz schön anstrengend. Da mache ich es mir doch einfacher, wenn ich mein eigenes Leben nach meinen Regeln führe.

Und denen hält Johannes einen Spiegel vor. Wohin führt das, wenn ihr so weiter lebt, wenn ihr so weiter vor euch hin lebt? Führt das zu mehr Gemeinschaft – oder eher zur Ich-Vereinzelung? Zu mehr Verantwortung – oder zum Bewusstsein, ist doch eh egal, wofür ich mich einsetze. Dieses „Kehrt um“ ist ja auch ein Ruf, das eigene Leben, die eigenen Ziele noch einmal ganz grundlegend zu überdenken. Und es besser machen zu wollen. Sich aus den Abhängigkeiten dieser Welt – in die man zwangsläufig gerät – freizumachen und die Dinge mal aus einer ganz anderen Perspektive betrachten, nämlich aus Gottes Perspektive!

Das heißt, Johannes macht mit dem Ruf zur Umkehr einem eigentlich erst bewusst, dass was schief läuft im Leben, was einer Korrektur bedarf. Einer, der dir auf den Kopf zusagt: Mensch, du bist doch total in die Irre gelaufen! Tut Buße, denn das Himmelreich, Gott selbst, ist nahe herbeigekommen!

Sich seiner Fehler bewusst werden, das ist manchmal ganz schön schmerzhaft. Na, und das wird vielen nicht besonders gefallen haben, wenn man mit dem Finger so tief bohrt. Wenn ich daran denke, dass man so etwas lieber nicht direkt sagt – schließlich will ja keiner auf seine Fehler aufmerksam gemacht werden…

Aber es muss doch mal jemand sagen, dass die Menschheit in die Irre läuft. Solche Rufer in der Wüste brauchen wir doch immer wieder, die zur Besonnenheit aufrufen, zur Umkehr, zur Kehrtwende, zum Überlegen. Zum Nachdenken darüber, wie wir mit den Ressourcen unserer Welt umgehen, und mit den Menschen in der Nachbarschaft und zu Hause. Einer, der sagt, wie Leben auch ganz anders gelingen kann. Der Weg in den Himmel ist eben nicht eine breite Autobahn, sondern manchmal ein enger und steiniger Weg, meint Johannes. Und ich gebe ihm recht. Gäbe es ihn und solche Rufer, solche Propheten nicht, würden wir doch total am Ziel vorbei laufen, einfach so immer weiter machen.

Rufer in der Wüste – so wird er genannt. Der hat tatsächlich mitten in der Wüste gestanden und gepredigt. Schon ein irrer Kautz, schon wie er angezogen war, macht deutlich, dass er sich nicht an geltende Konventionen hält, sondern sich ganz seinem Auftrag verschrieben hat. Und auch, wie er er sich gab – er lebte eben für die Sache. Matthäus berichtet: Johannes, hatte ein Gewand aus Kamelhaaren an und einen ledernen Gürtel um seine Lenden; seine Speise aber waren Heuschrecken und wilder Honig. Er wusste sich von Gott gesandt und getragen und tritt hinter seine Aufgabe zurück – deshalb brauchte er kein Brumbroium um seine Person, seine Kleidung, seine Nahrung machen. Er stellte sich eben komplett, mit Haut und Haaren, in den Dienst der Sache, in den Dienst Gottes. Radikal, aber es zeigte Wirkung. Die Leute kamen in Scharen, um ihn zu hören. Und diejenigen, die sein Wort ernst nahmen und umkehren wollten, denen empfahl er, sich von ihren Sünden nicht loszukaufen, sondern loszuwaschen. Reinigt euch – äußerlich wie innerlich, war sein Kredo. Katharsis, ein Reinigungsprozess. Alles, was einen belastet, loslassen, hinter sich lassen, ersäufen, und als neuer Mensch aus dem Wasser steigen, das ist das Ziel der Taufe, des Reinigungsbades, die Johannes als Vorläufer Jesu initiiert.

4. Und dann noch die Taufe Jesu

Und die Johannes dann ja auch an Jesus vollzieht. Wobei ihm klar war, dass Jesus ein anderer Mensch war, schon bevor er zu ihm kam. Einer ohne Sünde, ohne Fehltritt. Der brauchte das Bad der Wiedergeburt, die Taufe, diese Reinigung eigentlich nicht. Und doch bittet Jesus genau darum. Als ob ihm bewusst gewesen wäre, dass ihm dieser Akt noch fehlte, um sich selbst wirklich ganz und gar in den Dienst Gottes zu stellen. Eben als neuer Mensch, als einer, der all das, was er bisher getan hatte, hinter sich gelassen hatte. So wie Jesus später von der Nachfolge erzählt: lk 9,62: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Wer Gott dienen will, muss das hinter sich lassen können. Muss Abstand gewinnen – und nach vorne schauen.

Genau. Aber Johannes wollte ihn eigentlich nicht taufen. Er erkannte: Jesus war mehr als er. Der brauchte eigentlich keine Taufe. Aber Jesus wollte dieses Zeichen für sich annehmen. Sich mit der Taufe in den Dienst Gottes stellen! Und da geschah das unfassbare: Gott öffnet sich. Denn „da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. 17 Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Und das erfährt übrigens jeder, der umkehrt und getauft wird: Gott nimmt dich an als sein Eigentum. Er sagt: Ich hab dich schon im Mutterleib erkannt. (Ps. 139) Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter. Du gehörst zu mir. Das ist ja so etwas wie ein Initiationsritus. Ja, mit der Taufe gehört man dazu. Zu der Mannschaft Gottes. Gerufen bei seinem Namen, berufen, ein Mann, eine Frau Gottes zu werden! Ein Prophet, ein Rufer in der Wüste, ein Johannes mitten in dieser Welt.

Aber das heißt doch eigentlich: Wir müssten solche Rufer in der Wüste sein. Und das umsetzen, es vorleben: Bereitet dem Herrn den Weg. Kehrt um zu Gott. Dieses tägliche „Hineinkriechen in die Taufe“, wie Luther es ausdrückt. Dieses Leben für Jesus. Darum geht es. Ihm Nachfolgen. Für seine Sache kämpfen. Für ihn einstehen. Eben manchmal auch ein Rufer mitten in der Glaubens-Wüste sein. So was bräuchten wir heute auch! Jemand, der uns mal reinen Wein einschenkt. Jemand, der mal so richtig auf den Tisch haut. Jemand, der uns mal so richtig durchrüttelt, die wir alle so ichbezogen und weltbezogen vor sich hin leben. Ja, einer, der uns zur Umkehr, zum Nachdenken zwingt. Der uns sagt: Du lebst hier nicht für dich! Du bist hier mit einem Auftrag – weil Gott dich berufen und begabt hat! Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Tut wohl denen, die euch hassen!Aber das ist unbequem. Dazu müssten wir uns ja ändern!

Tja, Johannes, der sagt eben, was Sache ist. Der hält nicht lange hinterm Berg mit seiner Meinung. Der hat das allen auf den Kopf zugesagt. Selbst dem König Herodes und der Königin damals: Ändert euch, tut Buße. Kehrt um. Das hat denen auch nicht gepasst. Das hat denen natürlich nicht gepasst: öffentlich angeprangert zu werden: Du hast gesündigt. Die fühlte sich persönlich beleidigt. Und hat gleich den Kopf des Täufers auf dem Silbertablett verlangt.

Kritiker werden eben schnell mundtod gemacht. Aber du sagtest was davon: er wäre Vorläufer Jesu geworden?

Ja, genau. Jesus ruft genau wie Johannes zur Umkehr auf. In seiner erster Predigt heißt es genau so: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Und wie gesagt: für ihn war die Taufe das sichtbare Zeichen der Berufung durch Gott, also sein Ja auf Gottes Ruf an ihn!

5. Der Fingerzeig des Johannes

Aber da gibt es noch etwas, was mich beeindruckt: Johannes hat sich nie selbst in den Mittelpunkt gestellt. Er hat keine Show zelebriert, kein Feuerwerk gezündet. Man nennt das auch den Fingerzeig des Johannes: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen!“ (Joh 3,30). Er hat sich immer nur als Werkzeug Gottes verstanden: Jesus und damit Gott selbst den Weg zu bereiten – und Menschen zurückzuführen zu Gott selbst. Das kannst du übrigens in einem der berühmtesten Kranach-Gemälde sehen: in der Herderkirche in Weimar steht Johannes unter dem Kreuz und zeigt mit dem überlangen Finger auf Jesus. Ecce homo: Siehe, das ist das Lamm, das der Welt Sünde trägt.

Wir sollen uns also bekehren zu Gott – das ist der Sinn vom Johannestag?

Genau – gewissermaßen ein Buß- und Bettag, mitten im Sommer. Und dürfen darauf vertrauen, dass Gott uns annimmt, wenn wir anfangen, nicht uns selbst, unser Ego, unseren Besitz, unser Sein und Haben ins Licht zu rücken, sondern wieder Jesus als Licht der Welt. Wenn wir umkehren, zum nachdenken kommen, zurückkehren, so wie der verlorene Sohn zurückkehrt in die ausgebreiteten Arme des liebenden Vaters. Es ist ein tolles Gefühl sein, so gedrückt zu werden, so in die Arme genommen zu werden – selbst wenn man nicht perfekt ist. Aber man kann es werden: perfekt und geliebt in Gottes Augen zu sein.

Das war ein schönes Schlusswort. Darauf gibt es von mir nur noch ein: Amen.!