Lass dein Angesicht leuchten

Es gibt diese Momente, da geht über einem plötzlich ein Licht auf. Ein Licht-Moment, wenn mitten durch die dichten Wolken die Sonne durchbricht wie heute morgen. Oder mitten in einem traurigen Moment, wenn bei einem bestimmten Wort, mitten in einem Lied, bei einer Segenshandlung plötzlich ein Sonnenstrahl durch das Kirchenfenster erscheint. Oder mitten im Gespräch, an einem schwierigen Thema, wenn ein Durchbruch gelingt, das Thema verstanden ist, eine Lösung in Sicht ist. Über dir geht auf die Herrlichkeit Gottes. Eine Gottesbegegnung der besonderen Art. Ein Wachküssen am Morgen. Ein Händedruck, unerwartet. Ein Dankeschön an einen Unbekannten. Merken wir das? Erkennen wir das in unserem Leben? Sind wir dafür aufmerksam genug?

Bereit, Gott zu begegnen?

Gottesbegegnung, darum geht es an dem heutigen Sonntag. Über dir geht auf, die Herrlichkeit Gottes. Gott begegnen, mit Leib und Seele, mit Herz und Sinnen. So wie Mose Gott begegnet ist, von Angesicht zu Angesicht, dort im Dornbusch. Dabei rannte Mose gewissermaßen vor Gott weg. Er hatte Schlimmes getan, einen Menschen umgebracht, einen ägyptischen Aufseher, der einen Israeli beinahe zu Tode geschlagen hat, der unterdrückt hat, dem das offensichtlich Spaß gemacht hatte. Darf man das, einen Aggressor, einen Diktator stoppen? Muss man dem nicht Einhalt gebieten, dem Rad in die Speichen greifen, wie Bonhoeffer sagt, um Schlimmeres zu verhindern? Mose hat das getan, und fühlt sich schuldig. Und jetzt läuft er weg, wohnt in der Wüste, heiratet, kommt bei seinem Schwiegervater Jitro runter und kümmert sich fortan um Schafe, Kleinvieh, wird ihr Hirte. Und eines Tages, als er nicht damit rechnet, begegnet ihm Gott. Gerade ihm. Wer bin ich schon? Aber Gott weiß, was in ihm steckt, was er kann, was er mit ihm anfangen will. Und er hat Großes mit ihm vor. Er will ihn zum Menschen-Hirt machen, zum Hirten seiner Herde, seines Volkes. Und wer bist du? Ich bin der, der ich sein werde: Gott verwandelt sich immer in den, der er sein muss, um Menschen zu begegnen, um Menschen zu begleiten, um sie zu sehen, bei ihnen zu sein, mit ihnen zu gehen.

Diese Gottesbegegnung löst ganz viel bei Mose aus. Dass Gott selbst ihm begegnen will, dass er angesprochen wird, überrascht ihn. Karl Barth sagte einmal: Gott kommt immer senkrecht von oben, unerwartet, dann, wenn wir nicht damit rechnen. Dieses angesprochen werden führt zu einem Geborgenheitsgefühl. Er weiß sich gesehen, er weiß sich begleitet. Er kann auf die Hilfe Gottes zählen, er fühlt sich mit Kraft aus der Höhe ausgerüstet. Und das lässt ihn dienen. Davon will er immer mehr.

Aus der Gottesbegegnung entsteht viel mehr

Aus der Gottesbegegnung am Dornbusch, der nicht verbrennt, entsteht viel mehr. Es entsteht eine Gottesbeziehung, ein gegenseitiges Geben und Nehmen, und es wirkt sich in Moses Leben aus. Der “Gott-geht-mit” ist mit ihm, und das hilft ihm, die Israeliten vom Auszug aus Ägypten zu überzeugen. Nicht er selbst, Gott überzeugt sie, sich ihm anzuvertrauen, seinem Knecht, seinem Diener Mose.

Gott braucht dich, Menschen wie du und ich, Menschen, die durchaus einige Macken haben können, schwerwiegende Fehler gemacht haben können. Gott braucht uns als seine Werkzeuge. Was bei Gott zählt, ist am Ende, ob wir uns auf ihn einlassen, zulassen, dass er in unserem Leben Kreise zieht. Dass wir uns auf Gott vertrauen, dass wir uns ihn in den Dienst stellen, sein Angesicht sehen wollen, von Angesicht zu Angesicht in Beziehung zu ihm stehen wollen. Auch, wenn wir von außen bedrängt werden, auch wenn wir selbst im Zweifel sind. Und dann geschieht vielleicht das, was die Bibel im zweiten Buch Mose 34 beschreibt:

29 Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte. 30 Als aber Aaron und alle Israeliten sahen, dass die Haut seines Angesichts glänzte, fürchteten sie sich, ihm zu nahen. 31 Da rief sie Mose, und sie wandten sich wieder zu ihm, Aaron und alle Obersten der Gemeinde, und er redete mit ihnen. 32 Danach nahten sich ihm auch alle Israeliten. Und er gebot ihnen alles, was der HERR mit ihm geredet hatte auf dem Berge Sinai. 33 Und als er dies alles mit ihnen geredet hatte, legte er eine Decke auf sein Angesicht. 34 Und wenn er hineinging vor den HERRN, mit ihm zu reden, tat er die Decke ab, bis er wieder herausging. Und wenn er herauskam und zu den Israeliten redete, was ihm geboten war, 35 sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte. Dann tat er die Decke auf sein Angesicht, bis er wieder hineinging, mit ihm zu reden.

Gott strahlt auf mich ab

Der Abglanz Gottes auf seinem Angesicht. Dieses Strahlen im Gesicht, diese Ausstrahlung in meinem Wesen, in meinem Handeln und Tun, in meinem Denken und Fühlen. Solch eine Ausstrahlung hätte Folgen, Auswirkungen in meinem Leben. Es würde meine Beziehung zu dem nächsten, zu meinen nächsten, innerhalb der Familie, zu den Nachbarn, zu den unbekannten, zu denen ich geschickt bin, unmittelbar verändern. Sie würden die Herrlichkeit Gottes in meinem Leben spüren, dass Gott in meinem Leben eingezogen ist, in meinem Leben wirkt, sie würden Gottes Liebe spüren, die mich ganz und gar verändert.

Ich möchte mehr von diesem Strahlen in meinem Leben. Dass das Strahlen Gottes durch mein Leben hindurch strahlt, aufleuchtet, mein Gesicht anfängt zu glänzen. Ich glaube, das nennt man Segen, wenn Gott sein Angesicht auf mich erhebt, mir diesen Frieden, diese Ausstrahlung gibt. Deshalb spreche ich: Herr, lass dein Angesicht leuchten über mir und sei mir gnädig. Amen.