Leben in Verantwortung vor Gott und den Menschen

Predigt zum Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr 2019

Liebe Gemeinde,

manchmal sind es Blitzsekunden, in denen das Leben noch einmal vor einem abläuft. Patienten, die auf der Unfallchirurgie in Leipzig lagen, wo ich für die spezialisierte Seelsorge-Ausbildung KSA eingesetzt war, erzählten von ihren größten Schockmomenten. Als sie von der Leiter stürzten oder mehr als 18 Meter vom First eines Daches. Freier Fall, eine Beschleunigung von fast 10 m/s2.

Was da in einem Menschen vorgeht, ist unglaublich. Erinnerungen werden wach. In unendlicher Geschwindigkeit laufen Szenen über das innere Auge. Alles, was nicht verarbeitet erschien, wird noch einmal vorgeholt. Detailreich können Patienten, die wieder aufwachen, beschreiben, was sie in solchen Sekunden erlebt haben.

Mit ist dort klar geworden: Unser Gehirn vergisst nie. Wir verdrängen vielleicht. Wir schieben Erlebtes als scheinbar unwichtige Begebenheit beiseite, weil wir von anderem intensiver in Anspruch genommen wurden. Und doch brennen sich Situationen unlöschbar in unser Gehirn ein – und werden in besonderen Momenten wieder hervorgeholt. Es sind Momente der Demütigung, der Scham, des Hasses, auch des Triumpfs über andere. Unbedachte, weil unbewusste – und im Nachgang auch ungewollte – Äußerungen, die man gerne hätte rückgängig machen wollen. Situationen, in denen man jemanden zutiefst verletzt hat – und man erst im Laufe der Zeit erkannt hat, wie sehr jener Moment den anderen betroffen gemacht und sogar sein Leben verändert hat.

Sie sind nicht verarbeitet worden. Sie wollen geklärt werden, oft in Situationen, wo einem der eigene Tod vor Augen steht, man panische Angst davor hat, es könnte das letzte gewesen sein, was man tut.

Sekundentraum mit der Bitte um Vergebung – es ist das einzige, was bleibt, sagen Patienten, die einen tiefen Fall hinter sich haben. Die hart am Boden aufgekommen sind. Die nicht wussten, ob sie das überleben und wie. Menschen, die ungewollt und oft unbeabsichtigt in genau diese Situation gekommen sind, dass Sie abstürzen, dass ihr Leben in Sekunden an ihnen vorbeizieht.

Andere können nicht schlafen. Ob Tags oder Nachts, sie haben immer wieder die gleichen „Tagträume“. Erlebte Situationen auf dem Schlachtfeld, erfahrene Schmach und Pein, das erste Mal, dass man jemanden hat schlagen oder töten müssen, auf Geheiß anderer. Kurt B. z.B: war einer davon. Ich hab ihn und seine Frau zu seiner Diamantenen Hochzeit kennen gelernt. Daraus ist eine intensive Beziehung entstanden. Letztes Jahr starb er 98-jährig. Er sagte: „Es müssen erst Widerstände in einem gebrochen werden, bis man auf Menschen einsticht, sie umbringt. Man muss erst lernen, abzustumpfen, um mit den Wunden und dem Schreien der Opfer klarzukommen. Das Feinbild muss groß genug aufgebaut worden sein, dass Menschen von Ost und West, von Nord und Süd, übereinander herfallen – oder die Existenz bedroht sein.“ Er hat sich die Seele aus dem Hals geschrien – und mir darüber sein Tagebuch zukommen lassen. Wie schwer ist es für die, die mit dem geschürten Hass nicht klarkommen. Die Täter und Opfer zugleich geworden sind. Er musste das loswerden, um sterben zu können.

„Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi,“ heißt es in unserem Wochenspruch 2. Kor 5,10a, den ich zur Grundlage dieser Predigt gemacht habe. Es gibt eine Letzt-Verantwortung – und es gibt zumindest die Ahnung davon in einem jeden von uns. Dass wir uns am Ende für unser Leben verantworten müssen: für das, was wir getan haben, und für das, was wir hätten tun können, aber nicht übers Herz gebracht haben.

Wir werden uns verantworten müssen für das, was uns bewusst ist und uns selbst weh tut, und für das, was wir verdrängen und verdrängt haben, womit wir uns nicht auseinandersetzen wollten. Weil wir zu feige waren, weil wir keine eigene Position hatten, weil wir nicht in die Ecke gedrängt werden wollten, weil wir auf andere gehört haben.

Wir werden uns auch verantworten müssen für das, was wir hätten tun können, aber nicht getan haben – aus Bequemlichkeit oder falschem Anstand heraus. Wo wir nicht entschieden „NEIN“ gesagt haben, sondern weiter mitgemacht.

„Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ sagt die Bibel, und uns ist klar: es wird kommen. Ob in diesen letzten Sekunden eines Unfalls oder als längerer Prozess: Wir werden uns unserem Leben stellen müssen.

Patienten, die Seelsorge in Anspruch nahmen, erzählten, wie sie – ohne fromm oder gar gläubig zu sein – in diesen Schrecksekunden gebetet hätten. Die um Vergebung gebeten hätten: Gott, weil sie die Dinge nicht mit anderen haben regeln können. Und als sie aufgewacht sind, angefangen haben, mit ihren Angehörigen über diesen Traum, dieses Erhörungserlebnis, zu sprechen und die erfahrene Vergebung Gottes nun auch von ihnen erbaten.

Die Chance jetzt besteht darin: Dinge zum Guten zu verändern. Bewusst auf Haltung und Verantwortung zu achten. Und es anders zu machen.

Leider nehmen wir – wie so häufig – vieles auf die leichte Schulter. Oder sind durch den Alltag so eingespannt, dass wir nicht zum Nachdenken kommen. Wie häufig braucht es daher solche Tiefschläge, solches Fallen-gelassen-werden, so ein Aufgefangen-werden, um ein neuer Mensch zu werden?

Ich wünsche uns, dass wir uns dafür immer wieder Zeit nehmen. Zeit, den Tag Revue passieren zu lassen und im Gebet vor Gott zu bringen. Ich wünsche uns Auszeiten, die wir uns bewusst nehmen, um über unser Leben ins Nachdenken zu kommen – und seelsorgerliche, geistliche Begleitung, um es vor Gott zurechtrücken zu können. Ich wünsche uns, dass uns das nicht erst durch einen Tiefen Fall passiert, das wir erleben, wie unser Leben an uns vorbeizieht – und wir vielleicht nicht mehr aufwachen. Leben wir, was Gott uns aufträgt, in Verantwortung vor ihm und uns. Amen.

Pfarrer Thomas Volkmann
Pfr. Thomas Volkmann ist seit Juni 2018 der geschäftsführende Pfarrer für Tiefenort.