Ich liebe Krimis

Die Geschichte von Kain und Abel in Verbindung mit dem Barmherzigen Samariter

Liebe Gemeinde,

ich liebe Krimis. Gerade erst habe ich die Reihe von Manfred Bomm und seinen Schwabenkrimis durchgearbeitet. Und es vergeht kaum ein Sonntag, an dem ich nicht „Death in Paradise“ schaue – oder einen Tatort. Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett, sagte einmal Felix Leibrock, Pfarrer und Kriminalautor bei einer Lesung seines neuesten Werks. Ich mag die Herausforderungen, das sich hineindenken in die Abgründe der menschlichen Seele, die Suche nach dem Wie und Warum. Da sind wir heute ja genau richtig.

Heute geht es um den ältesten Mordfall der Geschichte der Menschheit. Kain und Abel. Und um den Grundkonflikt: Was hat das eigentlich mit dem barmherzigen Samariter zu tun? Was daran ist denn barmherzig, wenn jemand den anderen drangsaliert, umbringt? Mir kommen grauenhafte Bilder in den Kopf: von Krieg und Zerstörung, ganz aktuell in Afghanistan, wo die einen auf die anderen einprügeln, töten, weil sie einem vielleicht nicht passen, weil sie das in ihren Augen falsche denken oder für andere „feindliche“ Organisationen gearbeitet haben. Gott bewahre, das will ich nicht erleben. Erzählungen kommen hoch über das, was im und nach dem 2. Weltkrieg passiert ist, mit Menschen, die auf der Flucht waren… Da ist der erste Mordfall fast schon unblutig dagegen. Hören wir selbst:

Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. 3 Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. 4 Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, 5 aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.

6 Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? 7 Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.

8 Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. 9 Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? 10 Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.

Das war Mord, kein Totschlag. Nicht beiläufig, sondern geplant. Zeit, Gelegenheit, Motiv, das sind ja die drei Fragen, die sich die Kriminalisten stellen. Die Sache ist klar. Da war jemand neidisch darauf, dass der andere besser angesehen wurde. Niedere Beweggründe, sagt man, man hat schon für weniger gemordet. Eine Beziehungstat. Kain und Abel buhlten beide um die Liebe Gottes. Vielleicht war Abel der Friedliebendere von beiden, Kain derjenige, der schon immer härter gearbeitet hat. Ob er deswegen gewalttätiger war? Jetzt aber eskaliert es zwischen den beiden. Sie können sich nicht mehr in die Augen blicken. Die Emotionen übernehmen. Da ist sie, die „Sünde“, wie Gott sagt, sie nimmt überhand, nicht unter „Kontrolle“ zu kriegen. Alle Warnungen zum Trotz bringt er ihn um. Gewissensbisse?

Wo ist dein Bruder Kain? Gott weiß längst, was geschehen ist – und doch leugnet Kain die Tat, versucht er sich herauszuwinden. Das ist so typisch menschlich. „Sollte ich meines Bruders Hüter sein?“Als ob ihn das Leben des anderen nichts mehr anginge, trotz allem Neid und den ganzen Käbeleien. Aber mit genau dieser rhetorischen Frage gibt er sich ein Ja! Du hast Verantwortung nicht nur für dein eigenes Leben, sondern auch für den Nächsten!

Auch der barmherzige Samariter beginnt als eine Kains-Geschichte: es geschieht zwar kein Mord, aber fast ein Mord. Räuber – Menschen! rauben ihn aus, sie lassen ihn halbtot liegen. So geschieht es auf dieser Welt millionenfach: Menschen nehmen anderen was weg, meist ihre Lebensgrundlage, schlagen sie nieder, unterdrücken andere, führen sich als die Herrscher auf. Es interessiert sie nicht, was mit ihren Opfern geschieht. Halbtot lassen sie ihn liegen. Ist es da ein Wunder, dass Menschen da nur noch weg wollen, fliehen, um ihr Leben rennen? Der Priester, der Levit, Menschen auf dem Weg zur Arbeit, zu dem, was ihnen gerade wichtiger erscheint – sie schauen weg, sie laufen dran vorbei. Sich bloß nicht vereinnahmen lassen, anrühren lassen. Das könnte meinen Plan durcheinander bringen. Aber gerade durchs Wegschauen machen sie sich schuldig. Unterlassene Hilfeleistung, würde man heute sagen. „Sollt ich meines Bruders Hüter sein?“

Heute wird der barmherzige Samariter gelobt, gar Hilfsorganisationen nach ihm benannt. Damals waren die Samariter die Unreinen, das verhasste Brudervolk, Ausländer. Und gerade er schaut nicht weg, lässt ihn nicht liegen, hilft ihm auf, rettet Leben. Das ist gelebte Nächstenliebe, das was Christus uns eigentlich ins Herz geschrieben hat. Grenzenlose Liebe! Nicht schauen, was der andere ist, sondern einfach tun, was geboten ist.

Über die Zeiten des Christentums hinweg war das nicht immer so gelebt worden. Immer wieder sind wir in die Kains-Geschichte zurückgefallen, haben gemordet, geplündert, andere halbtot liegen gelassen, und um sie einen Dreck geschert. Ob im Mittelalter, in den Religionskriegen, im ersten oder zweiten Weltkrieg oder heute, da haben Christen Schuld auf sich geladen. Wir tun uns schwer damit, dass Jesus uns immer wieder Nächstenliebe gepredigt hat. Aber immer wieder wurde gelebte Nächstenliebe praktiziert, von einzelnen, von Gruppen. Mönche, die Hospize, Krankenhäuser, Schulen aufgebaut haben, die Idee von Henry Dunants Rotes Kreuz oder dem Arbeiter-Samariter-Bund: Menschen bedingungslos helfen. Wenn einem alles genommen wurde, die Ehre, die Würde, das, was das Leben ausmachte, ob durch Gewalt, Krieg, Flucht und Vertreibung oder aktuell in Flutkatastrophen, sucht man nach Möglichkeiten, wo man bleiben kann, wo man aufgefangen wird. Ihnen Hilfe zu geben, sie aus gefährdeten Situationen herauszuholen, das ist unser zutiefst christlicher Auftrag. „Sollt ich meines Bruders Hüter sein?“ Geht mich das wirklich an? Ja, und das gilt nicht nur für unsere Nachbarn, die wir gut kennen und häufig genug nicht gut genug; sondern auch für die Flutopfer und die Afghanen, die jetzt Hilfe brauchen, nachdem sie für uns gearbeitet haben. Das wäre barmherzig, das ist Christentum pur – gelebte Nächstenliebe. Alles andere wäre unterlassene Hilfeleistung oder das bewusste in Kaufnehmen von Mord- und Totschlag. Amen.

(Predigt am 13. So. n. Triniatis, 29.08.2021 in der Stadtkirche Bad Salzungen)