Gesehen werden – und heil werden – Predigt zu Apg 3, 1-10

Liebe Gemeinde,

Menschen, denen die Augen geöffnet werden, denen es wie Schuppen von den Augen fällt, darum geht es heute in den Lesungen. Menschen, die Zuwendung erfahren, die Gott selbst erkennen in dem, was ihnen begegnet. Menschen, die plötzlich beginnen aufzustehen und ihr Leid, ihre Not vergessen. Menschen, die mit einem Mal eine neue Qualität ihres Lebens mit Händen begreifen und anfangen, für Gott neu zu brennen. Denen ihr Glaube geholfen hat.

Glauben, das ist ja so eine Sache. Wer mit dem Glauben wenig am Hut hat, der macht sich schnell lustig über solche, die das persönlich erlebt haben, das ihnen ihr Glaube geholfen hat. Dass sie angerührt wurden von einer Kraft, die übermenschlich, aber wirkmächtig ist. Menschen, die z.B. nach Lourdes fahren, um in der Grotte diese Heilkraft für sich zu erfahren. Und eine Veränderung erleben, diese tiefe Ergriffenheit, einfach da gewesen zu sein, die tausenden von Menschen, die glaubend, zögernd, suchend und erwartend mitfiebern und diese ganz besondere Qualität des Erlebnisses ausmachen. Manchmal muss man dafür nicht an besondere Orte fahren. Manchmal passiert das direkt vor der Kirchentür, direkt vor unseren Füßen.

Da liegt mal wieder so einer rum. Einer, der von Geburt an behindert war, nicht gehen konnte, auf die Hilfe anderer angewiesen war. War es Kinderlähmung? War es ein Gendefekt? Wir wissen es nicht. Bettelnd schlägt er sich durchs Leben. Er kennt die Ablehnung durch die Menschen. Entsprechend gering ist die Erwartung. „Haste mal ne Mark?“ ( – Pause – )

Sehen wir ihn vor unserem Auge? Man kennt ihn doch. Der lungert immer da rum. Meistens mit ner Kippe im Mund, oft mit Alkohol in der Hand. Mit dem ist nichts mehr los – dem ist doch nicht zu helfen… Achtlos gehen wir an ihm vorbei, wollen mit dem Pack, dem Dreck, dem Abschaum nichts zu tun haben.

Erwischt…

Erwischt? Wie ist unser Umgang mit denen, die uns nicht passen, die offenkundig nicht dazugehören können und wollen – Bettlern, Obdachlosen, Krüppeln, Mißgestalten, Behinderten. Widern sie uns an, ekeln wir uns vor ihnen, halten wir Abstand? Vor allem aber: Gehen wir auf sie zu?

1 Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. 2 Und es wurde ein Mann herbeigetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, das da heißt das Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. 3 Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen.

4 Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! 5 Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. 6 Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!

Meine Güte, was für eine Begegnung. Fast so wie ein 6er im Lotto, bloß dass dem Gelähmten am Ende etwas viel Wertvolleres als Gold und Silber geschenkt wird: Die schon lange abgeschriebene Gesundheit, das Ende einer entwürdigenden Qual. Damit hat er wohl nicht gerechnet. Seine Reaktion legt Zeugnis dafür ab. Petrus und Johannes – die beiden waren in der Tat ein Volltreffer für den gelähmten Mann: Gold und Silber habe ich nicht. Aber was ich habe, das gebe ich dir!

Petrus und Johannes gehen nicht achtlos an ihm vorbei. Sie sehen seine traurigen Worte, die unerfüllte Erwartung, den müden Blick, die Enttäuschung in den Augen, die Hilflosigkeit, das Angewiesensein auf Unterstützung, die ihn selbst nervt. Sie sehen hin, sie sehen genau hin, gehen nicht achtlos an ihm vorbei. Und ich glaube, das ist der erste Teil dieses Wunders, das passiert. Sehen und gesehen werden, und zwar aus den Augen Gottes: Du bist es wert, gesehen zu werden, gerade auch du mit deinen Problemen, deinen Handicaps, deinen Beeinträchtigungen, deinen Be-Lastungen, deinem Rückzug. Sie sehen ihn mit anderen Augen an, und sehen, was in ihm steckt.

Mach die Augen auf…

Dann fordern sie ihn auf: Mach deine Augen auf, sieh uns an. Sie steigern damit seine Erwartungshaltung, zumindest aber seine Aufmerksamkeit. Sie holen ihn raus aus seiner Lethargie, aus seiner Verzweiflung, seinem Kokon, seiner Ich-Bezogenheit, seinem Selbstmitleid. Was willst du wirklich? Deine Rolle weiter spielen, die du perfektioniert hast, oder eine andere Qualität von Leben, Heilung erfahren an Körper und Seele, von tiefstem Herzen, von innen heraus heil werden? Sie begegnen ihm auf Augenhöhe, nicht abwertend, nicht vorurteils-geladen, sondern mit Liebe, Zuneigung, authentisch und ehrlich.

Ich will nicht, dass du weiter so vor dich hin „vegetierst“

Dann die Enttäuschung: Er bekommt nicht das erbetene, sondern was ganz anderes. Gott gibt anders als wir denken. Nicht das, worum wir bitten. Sondern das, was hilft. Gott nutzt dazu Menschen wie Petrus und Johannes. Gold und Silber hab ich nicht. Nicht das erbetene. Nicht das, worauf du erstmal spekulierst, damit du so weiterleben kannst wie bisher. Vielleicht heißt es auch: Gold und Silber geb ich dir nicht, bewusst nicht – ich will nicht, dass du weiter so vor dich hin „vegetierst“. Aber was ich habe, gebe ich dir. Die Sicht Gottes auf dich, der das Potential in dir sieht. Der sieht, dass da mehr ist als nur der „Krüppel“. Der dir Kraft zur Überwindung schenken kann. Glaubenskraft. Also nimm meine Hand und steh auf!

Was können wir geben? Gold oder Silber: Natürlich, so können wir uns am leichtesten „frei-kaufen“. Aber ist das christlich? Ich wünschte mir mehr: was ich hab, das geb ich dir: diesen Blick in Vollmacht aus dem Gebet heraus, den Blick mit Gottes Augen auf die Menschen um uns herum. Mehr Nächstenliebe, mehr Menschen-Würde und Würdigung, d.h. bewusstes Wahrnehmen anderer Lebensentwürfe, mehr Herz statt Ausgrenzung, mehr Zeit zur Begegnung und echtem Kennen lernen, Zuwendung, das Sehen des anderen, Geborgenheit und Liebe, Engagement und Mittel, um zu helfen – und wir bekommen ganz viel davon zurück. Womöglich schaffen wir nicht solche spektakulären „Events“ wie Petrus und Johannes. Aber auch wir können solche Wunder-Heilungen erleben, wenn und weil dann auch unsere Wunden tief im inneren geheilt werden. Und dann bleibt nur noch eins: Gott loben für das, was er an uns tut. Amen.