Lass dein Angesicht leuchten

Es gibt diese Momente, da geht über einem plötzlich ein Licht auf. Ein Licht-Moment, wenn mitten durch die dichten Wolken die Sonne durchbricht wie heute morgen. Oder mitten in einem traurigen Moment, wenn bei einem bestimmten Wort, mitten in einem Lied, bei einer Segenshandlung plötzlich ein Sonnenstrahl durch das Kirchenfenster erscheint. Oder mitten im Gespräch, an einem schwierigen Thema, wenn ein Durchbruch gelingt, das Thema verstanden ist, eine Lösung in Sicht ist. Über dir geht auf die Herrlichkeit Gottes. Eine Gottesbegegnung der besonderen Art. Ein Wachküssen am Morgen. Ein Händedruck, unerwartet. Ein Dankeschön an einen Unbekannten. Merken wir das? Erkennen wir das in unserem Leben? Sind wir dafür aufmerksam genug?

Bereit, Gott zu begegnen?

Gottesbegegnung, darum geht es an dem heutigen Sonntag. Über dir geht auf, die Herrlichkeit Gottes. Gott begegnen, mit Leib und Seele, mit Herz und Sinnen. So wie Mose Gott begegnet ist, von Angesicht zu Angesicht, dort im Dornbusch. Dabei rannte Mose gewissermaßen vor Gott weg. Er hatte Schlimmes getan, einen Menschen umgebracht, einen ägyptischen Aufseher, der einen Israeli beinahe zu Tode geschlagen hat, der unterdrückt hat, dem das offensichtlich Spaß gemacht hatte. Darf man das, einen Aggressor, einen Diktator stoppen? Muss man dem nicht Einhalt gebieten, dem Rad in die Speichen greifen, wie Bonhoeffer sagt, um Schlimmeres zu verhindern? Mose hat das getan, und fühlt sich schuldig. Und jetzt läuft er weg, wohnt in der Wüste, heiratet, kommt bei seinem Schwiegervater Jitro runter und kümmert sich fortan um Schafe, Kleinvieh, wird ihr Hirte. Und eines Tages, als er nicht damit rechnet, begegnet ihm Gott. Gerade ihm. Wer bin ich schon? Aber Gott weiß, was in ihm steckt, was er kann, was er mit ihm anfangen will. Und er hat Großes mit ihm vor. Er will ihn zum Menschen-Hirt machen, zum Hirten seiner Herde, seines Volkes. Und wer bist du? Ich bin der, der ich sein werde: Gott verwandelt sich immer in den, der er sein muss, um Menschen zu begegnen, um Menschen zu begleiten, um sie zu sehen, bei ihnen zu sein, mit ihnen zu gehen.

Diese Gottesbegegnung löst ganz viel bei Mose aus. Dass Gott selbst ihm begegnen will, dass er angesprochen wird, überrascht ihn. Karl Barth sagte einmal: Gott kommt immer senkrecht von oben, unerwartet, dann, wenn wir nicht damit rechnen. Dieses angesprochen werden führt zu einem Geborgenheitsgefühl. Er weiß sich gesehen, er weiß sich begleitet. Er kann auf die Hilfe Gottes zählen, er fühlt sich mit Kraft aus der Höhe ausgerüstet. Und das lässt ihn dienen. Davon will er immer mehr.

Aus der Gottesbegegnung entsteht viel mehr

Aus der Gottesbegegnung am Dornbusch, der nicht verbrennt, entsteht viel mehr. Es entsteht eine Gottesbeziehung, ein gegenseitiges Geben und Nehmen, und es wirkt sich in Moses Leben aus. Der “Gott-geht-mit” ist mit ihm, und das hilft ihm, die Israeliten vom Auszug aus Ägypten zu überzeugen. Nicht er selbst, Gott überzeugt sie, sich ihm anzuvertrauen, seinem Knecht, seinem Diener Mose.

Gott braucht dich, Menschen wie du und ich, Menschen, die durchaus einige Macken haben können, schwerwiegende Fehler gemacht haben können. Gott braucht uns als seine Werkzeuge. Was bei Gott zählt, ist am Ende, ob wir uns auf ihn einlassen, zulassen, dass er in unserem Leben Kreise zieht. Dass wir uns auf Gott vertrauen, dass wir uns ihn in den Dienst stellen, sein Angesicht sehen wollen, von Angesicht zu Angesicht in Beziehung zu ihm stehen wollen. Auch, wenn wir von außen bedrängt werden, auch wenn wir selbst im Zweifel sind. Und dann geschieht vielleicht das, was die Bibel im zweiten Buch Mose 34 beschreibt:

29 Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte. 30 Als aber Aaron und alle Israeliten sahen, dass die Haut seines Angesichts glänzte, fürchteten sie sich, ihm zu nahen. 31 Da rief sie Mose, und sie wandten sich wieder zu ihm, Aaron und alle Obersten der Gemeinde, und er redete mit ihnen. 32 Danach nahten sich ihm auch alle Israeliten. Und er gebot ihnen alles, was der HERR mit ihm geredet hatte auf dem Berge Sinai. 33 Und als er dies alles mit ihnen geredet hatte, legte er eine Decke auf sein Angesicht. 34 Und wenn er hineinging vor den HERRN, mit ihm zu reden, tat er die Decke ab, bis er wieder herausging. Und wenn er herauskam und zu den Israeliten redete, was ihm geboten war, 35 sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte. Dann tat er die Decke auf sein Angesicht, bis er wieder hineinging, mit ihm zu reden.

Gott strahlt auf mich ab

Der Abglanz Gottes auf seinem Angesicht. Dieses Strahlen im Gesicht, diese Ausstrahlung in meinem Wesen, in meinem Handeln und Tun, in meinem Denken und Fühlen. Solch eine Ausstrahlung hätte Folgen, Auswirkungen in meinem Leben. Es würde meine Beziehung zu dem nächsten, zu meinen nächsten, innerhalb der Familie, zu den Nachbarn, zu den unbekannten, zu denen ich geschickt bin, unmittelbar verändern. Sie würden die Herrlichkeit Gottes in meinem Leben spüren, dass Gott in meinem Leben eingezogen ist, in meinem Leben wirkt, sie würden Gottes Liebe spüren, die mich ganz und gar verändert.

Ich möchte mehr von diesem Strahlen in meinem Leben. Dass das Strahlen Gottes durch mein Leben hindurch strahlt, aufleuchtet, mein Gesicht anfängt zu glänzen. Ich glaube, das nennt man Segen, wenn Gott sein Angesicht auf mich erhebt, mir diesen Frieden, diese Ausstrahlung gibt. Deshalb spreche ich: Herr, lass dein Angesicht leuchten über mir und sei mir gnädig. Amen.

Was heißt eigentlich Beten in dieser Zeit – einmal angedacht…

Hast du heute schon gebetet? Den Menschen, den ich das gefragt habe, war kurz irritiert über die Frage – und dann meinte er: tatsächlich: Ich habe heute schon gebetet!

Beten – was ist das? „Man spricht mit jemanden“, sagte mir eine ehemalige Konfirmandin. „Mit jemanden?“ fragte ich zurück? Wer ist dieser jemand? Naja, etwas ganz besonderes. Das kann man schlecht erklären. – So was wie ein Freund? Fragte ich zurück? Anders, sagte sie. Ihm kann ich sagen, was ich selbst meiner besten Freundin nicht sagen würde.

„Beten, das ist ein Dialog“, meinte einer diese Woche am Telefon. „Man gibt was preis“ – und zwar bevor man etwas bekommt. Obwohl, angesichts der Digitalisierung dieser Welt sind wir vorsichtig geworden mit der Preisgabe von Daten und Fakten. „Naja, meinte er, aber bei Gott ist das doch etwas anderes. Ich kann ihm vertrauen, dass er das, was ich ihm sage und anvertraue, nicht gegen mich verwendet!“

Beten, das ist mehr, als wenn ich nur mal eben was loswerden will. Beten ist mehr, als nur mal eben um ein paar Eier zum Frühstück zu bitten. Beten, das ist mehr, als nur mal kurz innehalten im Gespräch vor und bei dem Essen, um nach dem Gebet unvermittelt im Satz fortzufahren. So gesehen wäre Gebet nur eine fromme Unterbrechung, und das wäre mir schlichtweg zu wenig.

Nein, Beten ist bewusste Hinwendung zu Gott. Ich muss mit meinen Gedanken schon dabei sein, oder wie jemand anmerkte: Beim Leistungssport kann ich nicht beten – oder vielleicht gerade da? Beim Orgelspiel, bei der Versenkung in eine Sache – ist das nicht auch ein Vor-Gott-Bringen? Hinwendung zu Gott, ist nicht das ganze Leben ein Leben aus der Perspektive Gottes heraus? Zu ihm hin und von ihm her? Ist unser Leben nicht ein andauerndes Gebet? Und wie häufig bringe ich dann ganz spontan etwas vor Gott? Auf der Autobahn meines Lebens, an der roten Ampel, wenn mir etwas durch den Kopf geht, während ich durch das dichte Grün und die abgestorbenen Bäume unserer Wälder schaue oder über den blauen Himmel staune.

Hinwendung zu Gott – aber wann tun wir das? Sonntags, meinte meine Konfirmandin. Nur Sonntags? Und dann nur alle zwei Wochen? Oder wenn wir uns hier treffen, in der Kirche? Das wäre bitter schade. Aber wo wenden wir uns sonst hin? Wem wenden wir uns zu, und besonders: wann? Wir wenden uns an jemanden, von dem wir Hilfe oder die Lösung aller Probleme erwarten. Die kann ganz unterschiedlicher Natur sein. Vielleicht juckt uns etwas, wir suchen Linderung – und gehen zum Arzt. Vielleicht brauchen wir eine technische Lösung, und gehen zum Handwerker, kaufen die Lösung, die Versicherung, die Hilfe ein. Hinwendung zu Gott scheint da oft die „letzte Lösung“ zu sein, wenn nichts mehr hilft.Das ist mir zu wenig.

Wann also beten wir – wenden uns bewusst an Gott? Wenn wir was wollen, sagt der gesunde Menschenverstand. Not lehrt beten, sagt der Volksmund. Doch uns gehts gut, stellen die Forscher fest. Selbst mit Corona sagen über 70% der Menschen, dass sie nicht wirklich betroffen sind – keine Not leiden, die Not noch nicht bei ihnen angekommen ist. Warum auch: es gibt doch alles zu kaufen.

Und doch: mich berührt die Not derjenigen, die keinen Besuch empfangen können in den Pflegeheimen. Die allein gelassen sind in den Häusern. Mich berührt die Not derer, die um jedes Leben kämpfen, und nicht immer siegen. Ich wünsche keinem, so einsam zu sterben. Ich sehe die Überforderung der Familien, zu Hause mit Kindern gleichzeitig arbeiten zu müssen, auch wenn diese Woche mit der Rückkehr vieler in die Schule ein Stück Normalität einkehrt. Wir haben viel gelernt. Mich bedrückt die Not derer, die ihr Geschäft aufgeben müssen, weil die letzten Wochen alle Reserven aufgefressen haben – und nicht wissen, wie es weiter geht. Andere stellen sich die Grundsatzfrage: Werden wir überhaupt noch gebraucht, wenn dieses oder jenes nicht möglich ist? Müssen wir uns nicht neu erfinden? Und es sind die betroffen, die schon vorher betroffen waren: die Armen, die Obdachlosen, die Flüchtlinge, vor deren Leid wir die Augen so gerne verschließen.

Bete und Arbeite. Ora et labora. Es tut uns gut, den Alltag bewusst zu unterbrechen und vor Gott zu bringen, was uns bedrückt – all das, was wir eben nicht können. Und dann wieder in die Hände zu spucken – gerade so sind die größten Entdeckungen und Erfindungen dieser Welt entstanden. Bete, als ob alles arbeiten nicht nütze, und arbeite, als ob alles beten nichts nütze, sagte Martin Luther einmal.

So ermahne ich nun, sagt Timotheus, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen… Ohne Ausnahme. Für die Regierenden und die, die ganz unten am Boden liegen. Für uns und die anderen. Und dann zurück in den Alltag, die Herausforderungen bestehen. Amen.

Hier ein Live-Mitschnitt vom Open-Air-Gottesdienst vom Sonntag, 17. Mai 2020 – Abendgebet um 18 Uhr aus Langenfeld.
https://youtu.be/ebP1xFQ9MJk

Was ist das wichtigste? Über die Zeit zum Nachdenken…

Im Evangelium nach Markus 12, 28-34 (Bibel: Hoffnung für alle) lesen wir heute (20.3.2020) in der sogenannten fortlaufenden Bibellese:
28 Ein Schriftgelehrter hatte zugehört und war von der Antwort beeindruckt, die Jesus den Sadduzäern gegeben hatte. Deshalb fragte er ihn: »Welches von allen Geboten Gottes ist das wichtigste?« 29 Jesus antwortete: »Dies ist das wichtigste Gebot: Hört, ihr Israeliten! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. 30 Ihn sollt ihr von ganzem Herzen lieben, mit ganzer Hingabe, mit eurem ganzen Verstand und mit all eurer Kraft. 31 Ebenso wichtig ist das andere Gebot: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst! Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden.«

32 Darauf meinte der Schriftgelehrte: »Lehrer, du hast Recht. Es gibt nur einen Gott und keinen anderen neben ihm. 33 Ihn sollen wir lieben von ganzem Herzen, mit unserem ganzen Verstand, mit ganzer Hingabe und mit aller Kraft. Und auch unsere Mitmenschen sollen wir so lieben wie uns selbst. Das ist mehr als alle Opfer, die wir Gott bringen könnten.« 34 Jesus erkannte, dass dieser Mann ihn verstanden hatte. Deshalb sagte er zu ihm: »Du bist nicht weit von Gottes neuer Welt entfernt.« Danach wagte niemand mehr, Jesus weitere Fragen zu stellen.

Was ist wichtig, was nicht? Diese Frage stellt sich im Augenblick vielen angesichts der Corona-Krise. Das Land fährt herunter – shut down. Immer schärfer werden die Verordnungen; Geschäfte schließen zwangsweise, andere haben nichts mehr zu bieten, weil so manche nicht nur vor-sorgen, sondern schlichtweg raffen und hamstern. So kommt es zu Notständen – selbst in einem so reichen Land wie Deutschland. Die Angst geht um, nicht nur um die Ansteckung mit dem Virus, sondern vielmehr die Angst, ob ich genug Essen im Kühlschrank habe und genug Toilettenpapier. Für andere ist das die pure Existenzangst – keinen Job mehr zu haben.

Viele müssen zu Hause bleiben: Zwangsurlaub, weil Geschäfte und Betriebe schließen, Schulen und Kindergärten zu sind, wir keine Betreuung haben. Es sind vor allem die kleinen Leute, die sich Sorgen machen, und um die ich mir Sorgen machen.

Verordnete Fastenzeit, so hat es unser Landesbischof Friedrich Kramer am 15.3. in seinem Radiogottesdienst gesagt. Zeit, selbst etwas herunter zu fahren. Zeit, ins Nachdenken zu kommen. Muss ich immer alles haben, was ich sehe? Ist das alles wirklich wichtig?

Fahren wir einfach mal runter. Schalten wir das Internet ab – spare ich mir die vielen Nachrichten, die mir Angst machen. Ok, für manche wird das schwierig. Sie wollen verbunden sein – so am Leben der anderen teilhaben. Ist das ein Drang, eine Sucht? Können wir auch ohne Technik, aber viel direkter miteinander? Und gibt es da nicht noch viel mehr, was mein Leben reich macht, bereichern könnte – was ich bisher vor Hektik einfach übersehen habe?

Was ist wichtig – in meinem Leben, was nicht? Schaue ich nur nach rechts oder links, oder auch nach oben in dieser Zeit? Woher nehme ich Zuversicht und Hoffnung?

Gläubige Menschen vertrauen auch in der Krise auf Gott, von dem sie alles erwarten. Psalm 121 bringt das im ersten Satz auf den Punkt: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat. Jesus selbst wird gefragt: „Was ist das höchste Gebot?“ Und er antwortet: Mk 10: „Dies ist das wichtigste Gebot: Hört, ihr Israeliten! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. 30 Ihn sollt ihr von ganzem Herzen lieben, mit ganzer Hingabe, mit eurem ganzen Verstand und mit all eurer Kraft. 31 Ebenso wichtig ist das andere Gebot: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst! Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden.“

Jesus antwortet mit dem Doppelgebot der Liebe. Das ist im Kern das ganze Christentum, die ganze Grundlage. Gott lieben – und den Nächsten – und sich selbst. Ein Drehkreis, wie ein Motor mit drei Polen. Ich nenne es auch das theologische Dreieck. Ohne die drei Pole wird unser Leben eben nicht rund laufen. Wenn ich nur an mich selbst denke – wird mein Leben ebenso stottern wie wenn ich mich beim Nächsten verausgabe.

Erst wenn ich zur Ruhe komme und mich öffne, entdecke ich die Kraftquelle, die mich füllt. Gott füllt mich und schätzt mich wert – damit ich den Nächsten genau so wert-schätzen kann.

Von Gott her denken lässt mich auch erkennen, was jetzt wichtig ist: Wir haben Verantwortung füreinander.

Das heißt: dem Virus keine Chance zur Verbreitung geben, sich und andere nicht anstecken und nicht zum Überträger zu werden: zum Schutz der Schwachen also Rücksicht und Verzicht üben. Und zugleich auf die schauen, die Hilfe nötig haben und mit ihnen im Gespräch, im Austausch bleiben: am besten telefonisch. Dann kann Hilfe auch ganz konkret aussehen: füreinander sorgen, dass das Lebens-Not-wendige da ist.

Das heißt für mich zugleich, das theologische Dreieck neu zu durchdenken: Das, was Gott mir gibt und zugesteht, auch den anderen (und zwar allen anderen) zuzugestehen.

Deshalb könnte man angesichts vom lock down ganz grundsätzlich neu und anders denken: Wenn wir unsere Selbstverständlichkeiten „abschalten“ können, um Menschenleben zu retten, können wir das, nämlich Menschenleben retten, nicht auch angesichts der globalen Krise und denen helfen, die betroffen sind von Hunger und Dürre, von Wasserknappheit und Überschwemmungen? Muss sich nicht unsere Produktlandschaft, unsere Art zu wirtschaften und einzukaufen, ändern, damit Krisen abgemildert und gar verhindert werden und die Welt ein wenig gerechter wird?

Wir haben angesichts des Stillstands dazu die ultimative Chance, genau das einzuüben. Fragen wir uns, was für uns wirklich wichtig ist – und wie wir das Doppelgebot des Glaubens in unserem Leben gut umsetzen können. Nutzen wir die Chance dieser Fastenzeit.

Folge mir nach! – Entscheidung mit Konsequenzen

Predigt am Sonntag Okuli

Predigt zum Evangelium des Sonntags aus Lukas 9,57-62 von Pfr. Thomas Volkmann

57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach!
Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 60 Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. 62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Liebe Gemeinde,

da lieferte sich sich Jens und Axel letztens auf der A4 zwischen Eisenach und Wutha Farnroda mit der Polizei eine wilde Verfolgungsjagd. Ihr getunter Polo hatte die Aufmerksamkeit einer Streife erlangt. War er zu laut? War er zu schnell? Hatten sie etwa getrunken? Jedenfalls versuchte Jens und Axel alles, um die Polizei abzuschütteln. Schnell informierten sie ihre Kollegen. Das ganze fand ein wildes Ende, als der Polo von Polizeikräften eingekeilt war und der vordere Wagen mit einem „bitte folgen“ zwischen wütend blinkenden Blaulichtern den Polo von der Bühne geleitete.

Verfolgt von der Polizei – Bitte folgen ist da keine Bitte mehr. Was wohl die Verfolgten und Vertriebenen denken müssen, wenn vor ihnen Männer in voller Schutzausrüstung mit vorgehaltenem Schnellfeuergewehr ihr „Nicht-Willkommen“ in der eigenen Wohnung deutlich machen: Raus hier, aber schnell – und nicht: bitte folgen. Nicht immer gibt es freundliche Einsatzkommandos, die dazu noch an die Tür klopfen. Gewalt ist an der Tagesordnung, die Bedrohung kommt schleichend, plötzlich, unerwartet, von oben.

Mitläufer, sagt man, wenn Menschen jemand anderem oder einer politischen Idee hinterherlaufen. Ob gewaltverherrlichend oder nicht, Parolen rufend oder Fahnen schenkend, Mitläufer zu sein hat die Konnotation, sich eine Sache zu eigen zu machen, ohne über die Sache und ihre Konsequenzen genauer nachzudenken. Fasziniert und angetan, verzaubert und beeinflusst, im schlimmsten Sinne manipuliert machen sich andere dies zu Nutzen. Die Geschichte ist voll davon. Und Menschen suchen offensichtlich nach Messias-Figuren, nach Welt-Herrschern, nach Heilsgestalten und starken Männern, die für sie die Welt retten sollen, denen sie sich anschließend können. Nur: Die Masche mit der Propaganda – die Schleich-Werbung, ist heute noch viel raffinierter in der Beeinflussung und nennt sich schlicht Meinungs-Mache. Und dagegen gibt es berechtigte Vorbehalte, manche historisch gewachsen. Mit einem „Folge mir nach“ ist es eben nicht getan.

An Ausreden mangelt es uns nicht. Da kann ja jeder so kommen. Ich hab jetzt keine Zeit dafür, frag mich nächste Woche, nächstes Jahr. Ne, damit kann ich überhaupt nichts anfangen, ich beschäftige mich mit so nem Kram nicht. Lass mich mit deiner Spiritualität in Ruhe. Von dir lass ich mir doch nichts aufschwatzen.

Folge mir nach. Das ist Jesu Ruf in die Umkehr. Das ist Jesu Ruf hin zu Gott. Immer näher zu dir – immer mehr von dir, darum soll es gehen, nicht nur in unseren Liedern, auch in unseren Gebeten, vor allem aber in unserem Leben. Aber wir haben eben auch immer unsere Gründe, weshalb es gerade nicht passt. Weil wir jeder in einer Lebens-Situation steht, in Bedingungs-Gefügen. Weil das nicht so einfach ist, das alte Leben einfach so hinter sich zu lassen, neu anzufangen. Aber ist es nicht das, wozu Jesus Nikodemus aufruft: die Wieder-Geburt, den Neuanfang?

Doch dabei sind wir gefangen von dem, was war, träumen von Goldenen Zeiten, als noch galt, woran wir glaubten. Wir träumen, rosarot verklärt und geschönt, von den guten alten Zeiten, als wir noch was hatten, was galten… den großen Versuchungen dieser Zeit erlagen – das Thema zieht sich durch die ganze Fastenzeit. Wir lassen uns viel lieber blenden und vereinnahmen von schönen Worten, tollen Versprechen und ganz anderen Dingen – und kommen weiter ab vom Ziel, wie Matthias Claudius im „Lied vom Mond“ so treffend dichtet.

Dem Dritten in unserem Bibeltext Lk 9 sagt er sinngemäß: „Wer ständig in den Rückspiegel schaut, wird in der nächsten Kurve gegen den Baum fahren.“ Die Vergangenheit ist ein starkes Band, das lähmt und einen mehr hindert, ganz frei, ganz neu zu entscheiden, was jetzt dran ist. Der Blick zurück raubt uns alle Konzentration und verstellt uns zugleich den Blick nach vorne, nach dem, was sein soll, werden soll – mit uns, mit dieser Welt.

„Folge mir nach“ – das ist der Ruf in eine Entscheidung, der Ruf in den Dienst, für die Sache Jesu einzutreten, sich die Sache Jesu zu eigen zu machen, Gottes Liebe nachzueifern und selbst ein Stück davon zu erhaschen und zu geben.

Ich kenne Menschen, die dafür eine „Lebens-Wende“ hingelegt haben: die raus sind aus so manchem, was sie gefangen gehalten hat, um neu anzufangen, sich in den Dienst zu stellen und überzeugt davon sind: es war genau das richtige. Die erlebt haben, dass sie anders, freier, ungezwungener leben und reden können. Die zu sich und zu Gott gefunden haben. Die nicht anderen oder anderem hinterherlaufen, sondern standhaft für christliche Positionen eintreten. Dafür haben manche sogar ihren alten Job aufgegeben: Elektriker, Maurer, Tischler und Zimmerer, Krankenschwestern, Ärzte und Organisten. Ich kenne Bäckermeister und Unternehmensberater und manch andere „Spät-Berufene“, die noch einmal von vorne angefangen haben – weil es ihnen die Sache wert war.

Als Pfarrer, als Mitarbeitende im Verkündigungsdienst und als Gemeinde sind wir berufen, Menschen in die Umkehr und in die Nachfolge zu rufen. Auch mit unserem Leben. Indem wir Menschen auf ihrer Spirituellen Suche begleiten. Indem wir ausbilden und andere fit machen im Glauben. Indem wir persönlich Kontakt suchen und auf Menschen zugehen. Indem wir in Situationen, wo Menschen sich öffnen, offen sind für die Fragen des Lebens, sie begleiten und Zuspruch, Orientierung geben. Welche Impulse brauchen wir, damit wir gut und gerne dem Ruf Jesu folgen, ihm nachfolgen im immer mehr von ihm und immer näher zu ihm hin? Und damit wir in andere die Nachfolge rufen können? Amen.

Gesehen werden – und heil werden – Predigt zu Apg 3, 1-10

Liebe Gemeinde,

Menschen, denen die Augen geöffnet werden, denen es wie Schuppen von den Augen fällt, darum geht es heute in den Lesungen. Menschen, die Zuwendung erfahren, die Gott selbst erkennen in dem, was ihnen begegnet. Menschen, die plötzlich beginnen aufzustehen und ihr Leid, ihre Not vergessen. Menschen, die mit einem Mal eine neue Qualität ihres Lebens mit Händen begreifen und anfangen, für Gott neu zu brennen. Denen ihr Glaube geholfen hat.

Glauben, das ist ja so eine Sache. Wer mit dem Glauben wenig am Hut hat, der macht sich schnell lustig über solche, die das persönlich erlebt haben, das ihnen ihr Glaube geholfen hat. Dass sie angerührt wurden von einer Kraft, die übermenschlich, aber wirkmächtig ist. Menschen, die z.B. nach Lourdes fahren, um in der Grotte diese Heilkraft für sich zu erfahren. Und eine Veränderung erleben, diese tiefe Ergriffenheit, einfach da gewesen zu sein, die tausenden von Menschen, die glaubend, zögernd, suchend und erwartend mitfiebern und diese ganz besondere Qualität des Erlebnisses ausmachen. Manchmal muss man dafür nicht an besondere Orte fahren. Manchmal passiert das direkt vor der Kirchentür, direkt vor unseren Füßen.

Da liegt mal wieder so einer rum. Einer, der von Geburt an behindert war, nicht gehen konnte, auf die Hilfe anderer angewiesen war. War es Kinderlähmung? War es ein Gendefekt? Wir wissen es nicht. Bettelnd schlägt er sich durchs Leben. Er kennt die Ablehnung durch die Menschen. Entsprechend gering ist die Erwartung. „Haste mal ne Mark?“ ( – Pause – )

Sehen wir ihn vor unserem Auge? Man kennt ihn doch. Der lungert immer da rum. Meistens mit ner Kippe im Mund, oft mit Alkohol in der Hand. Mit dem ist nichts mehr los – dem ist doch nicht zu helfen… Achtlos gehen wir an ihm vorbei, wollen mit dem Pack, dem Dreck, dem Abschaum nichts zu tun haben.

Erwischt…

Erwischt? Wie ist unser Umgang mit denen, die uns nicht passen, die offenkundig nicht dazugehören können und wollen – Bettlern, Obdachlosen, Krüppeln, Mißgestalten, Behinderten. Widern sie uns an, ekeln wir uns vor ihnen, halten wir Abstand? Vor allem aber: Gehen wir auf sie zu?

1 Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. 2 Und es wurde ein Mann herbeigetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, das da heißt das Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. 3 Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen.

4 Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! 5 Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. 6 Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!

Meine Güte, was für eine Begegnung. Fast so wie ein 6er im Lotto, bloß dass dem Gelähmten am Ende etwas viel Wertvolleres als Gold und Silber geschenkt wird: Die schon lange abgeschriebene Gesundheit, das Ende einer entwürdigenden Qual. Damit hat er wohl nicht gerechnet. Seine Reaktion legt Zeugnis dafür ab. Petrus und Johannes – die beiden waren in der Tat ein Volltreffer für den gelähmten Mann: Gold und Silber habe ich nicht. Aber was ich habe, das gebe ich dir!

Petrus und Johannes gehen nicht achtlos an ihm vorbei. Sie sehen seine traurigen Worte, die unerfüllte Erwartung, den müden Blick, die Enttäuschung in den Augen, die Hilflosigkeit, das Angewiesensein auf Unterstützung, die ihn selbst nervt. Sie sehen hin, sie sehen genau hin, gehen nicht achtlos an ihm vorbei. Und ich glaube, das ist der erste Teil dieses Wunders, das passiert. Sehen und gesehen werden, und zwar aus den Augen Gottes: Du bist es wert, gesehen zu werden, gerade auch du mit deinen Problemen, deinen Handicaps, deinen Beeinträchtigungen, deinen Be-Lastungen, deinem Rückzug. Sie sehen ihn mit anderen Augen an, und sehen, was in ihm steckt.

Mach die Augen auf…

Dann fordern sie ihn auf: Mach deine Augen auf, sieh uns an. Sie steigern damit seine Erwartungshaltung, zumindest aber seine Aufmerksamkeit. Sie holen ihn raus aus seiner Lethargie, aus seiner Verzweiflung, seinem Kokon, seiner Ich-Bezogenheit, seinem Selbstmitleid. Was willst du wirklich? Deine Rolle weiter spielen, die du perfektioniert hast, oder eine andere Qualität von Leben, Heilung erfahren an Körper und Seele, von tiefstem Herzen, von innen heraus heil werden? Sie begegnen ihm auf Augenhöhe, nicht abwertend, nicht vorurteils-geladen, sondern mit Liebe, Zuneigung, authentisch und ehrlich.

Ich will nicht, dass du weiter so vor dich hin „vegetierst“

Dann die Enttäuschung: Er bekommt nicht das erbetene, sondern was ganz anderes. Gott gibt anders als wir denken. Nicht das, worum wir bitten. Sondern das, was hilft. Gott nutzt dazu Menschen wie Petrus und Johannes. Gold und Silber hab ich nicht. Nicht das erbetene. Nicht das, worauf du erstmal spekulierst, damit du so weiterleben kannst wie bisher. Vielleicht heißt es auch: Gold und Silber geb ich dir nicht, bewusst nicht – ich will nicht, dass du weiter so vor dich hin „vegetierst“. Aber was ich habe, gebe ich dir. Die Sicht Gottes auf dich, der das Potential in dir sieht. Der sieht, dass da mehr ist als nur der „Krüppel“. Der dir Kraft zur Überwindung schenken kann. Glaubenskraft. Also nimm meine Hand und steh auf!

Was können wir geben? Gold oder Silber: Natürlich, so können wir uns am leichtesten „frei-kaufen“. Aber ist das christlich? Ich wünschte mir mehr: was ich hab, das geb ich dir: diesen Blick in Vollmacht aus dem Gebet heraus, den Blick mit Gottes Augen auf die Menschen um uns herum. Mehr Nächstenliebe, mehr Menschen-Würde und Würdigung, d.h. bewusstes Wahrnehmen anderer Lebensentwürfe, mehr Herz statt Ausgrenzung, mehr Zeit zur Begegnung und echtem Kennen lernen, Zuwendung, das Sehen des anderen, Geborgenheit und Liebe, Engagement und Mittel, um zu helfen – und wir bekommen ganz viel davon zurück. Womöglich schaffen wir nicht solche spektakulären „Events“ wie Petrus und Johannes. Aber auch wir können solche Wunder-Heilungen erleben, wenn und weil dann auch unsere Wunden tief im inneren geheilt werden. Und dann bleibt nur noch eins: Gott loben für das, was er an uns tut. Amen.

1. Christtag 2018 – Predigt zum Johannes-Prolog

Es ist der Anfang: ein Prolog. Wie überall gibt es einen Anfang. Am Anfang war – Bereschit barah: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. So fängt die Bibel an. Mit dem Nichts. Mit der Schöpfung aus dem Nichts. Mit Gottes Gegenwart, mit einem Hauch. Mit dem Chaos über der Erde, dem Tohubawohu und der Ordnung, dem Paradies, das Gott daraus machte. Am Anfang steht der Schöpfungswille – und das Wort, aus dem alles Wurde. Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.

Größer und umfassender kann man nicht einsetzen – und Johannes tut das. Er ist sich seiner Größe bewusst: der Größe Gottes. Gott macht – das ist seine erste Aussage, indem er an den Schöpfungsprolog erinnert. Er steht am Anfang – durch sein Wort ist alles, was ist. Licht und Schatten, Himmel und Erde, Wasser und Luft. Er ist der Macher der Geschichte. Er ist derjenige, dem alles unterliegt. Die Mächte und Gewalten. Die Geschichte und Geschichten. Mit ihm beginnt die Geschichte dieses Planeten Erde, von dem Astro Alex sich wünschte, dass wir anders den nachfolgenden Generationen hinterlassen würden.

Mit ihm beginnt Menschheitsgeschichte. Die Erwählung von Abraham, Isaak und Josef als die Erzväter; die Berufung des Volkes Israel, die Geschichten um Flucht aus Ägypten und Eroberung Palästinas. Und Gott ist mittendrin: Am Tag als Wolkensäule, bei Nacht als Feuersäule. Er geht mit, er leidet mit, er ist da. Immer wieder beruft er Menschen, die er mit seinem besonderen Geist ausgestattet sind, die in seinem Namen sprechen: Mose und die Propheten. Und dann Johannes selbst. Johannes den Täufer. Einer, der von sich weg verwies auf den, der da kommen sollte: Jesus, der Christus, der Messias, der Gesalbte, der von Gott berufene. Retter der Welt. Einer, der sein Volk wieder eint und zusammen führt und wieder Gott näher bringt, so die Hoffnungen. Johannes, der Zeuge, der vom Licht Zeugnis geben sollte, das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet.

Da ist Dynamik dahinter und ein Stück Dynamit: Gott ist Licht – und kommt zu den Menschen, und damit beginnt Weihnachten, eine weihevolle, die von Gott geweihte Nacht. Mit der Freudenbotschaft, mit dem Lichterglanz. Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie. Die Herrlichkeit des Herrn, zum greifen nah!

Aber er wäre nicht Bote, Engel, wenn er von sich selbst verweisen würde auf die Krippe und die Botschaft: (Lk 2,10-12) Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

Gott macht sich auf den Weg, hin zu seinen Menschen. Zu den Menschen, die er einmal liebte – und die meinten, sie bräuchten keinen Gott. Er macht sich auf den Weg zu den Menschen, die sich von ihm losgesagt haben, weil sie sich selbst verwirklichen wollten, weil sie meinten, er stünde ihnen im Weg. Menschen, die nichts mehr erwarten von anderen außer von sich selbst. Menschen, die nur im eigenen Können und Vermögen ihren Erfolg sehen. Die Weihnachtsgeschichte erzählt: Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Er kommt nach Hause, aber da ist niemand, der ihn erwartet.

Vielleicht hören sie nicht hin / Vielleicht sehen sie nicht gut / vielleicht fehlt ihnen der Sinn / oder es fehlt ihnen Mut – dichtete Xavier Naidoo mit den Söhnen Mannheims in seinem Lied: Vielleicht. Es ist ein Glaubenslied, ein stilles Glaubensbekenntnis in einer Zeit ohne Glauben. Mit dem Vielleicht scheint er einige in Schutz nehmen zu wollen, diejenigen, die nicht wahrhaben wollen, dass es Gott gibt, dass er in diese Welt gekommen ist. Und spiegelt zugleich die Realität, von der Johannes spricht: Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Vielleicht kam er einfach zur falschen Zeit?

So sind Menschen eben, sagt Xavier Naidoo; und dann: alles was zählt ist die Verbindung zu dir. Er hat etwas entdeckt, was ihn überzeugt hat. Ihm ist ein Licht aufgegangen. So, wie Johannes es sagt: Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben. Gottes Kinder, seine direkten Nachkommen, seine Erben. Denn sie sehen, was die Welt nicht sehen konnte oder nicht sehen wollte: Gott selbst, Gott im Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Sie sehen, was dieses Kind in der Krippe bewirkt, von dem die Engel berichteten, das die Hirten sahen, dem die Weisen aus dem Morgenland huldigten. Dass Menschen zueinander finden und zu Gott, wenn sie ihn anschauen, wenn sie in seine Krippe schauen, dieses göttliche Lächeln sehen und entdecken, dass sie selbst es sind, die in diesem Augenblick von Gott so geliebt werden. Sie sehen, dass dieser Jesus von Gott spricht wie von seinem eigenen Vater, und man spürt Gottes Nähe in jedem Wort, in allem, was er tut. Gott wird Mensch, er erniedrigt sich selbst. Er macht sich klein, kommt uns zum Greifen nah in diesem Kind in der Krippe. Und bleibt doch Gott selbst. Gott von Gott, wahrer Gott von wahrem Gott, gezeugt, nicht geschaffen.

Mit ihm zieht wahre Menschlichkeit ein. Er ist der Anfang – der schon immer war, und in seiner Hand liegt das Ende, so hoffen wir. Wir können ihn schauen, wenn wir uns für ihn öffnen. Wenn wir ihm vertrauen, werden wir im Glauben erkennen, wer er wirklich ist: Gott von Gott, wahrer Mensch und Gott zugleich. Ein Glaubensbekenntnis. Und doch nicht in all seiner Größe fassbar.

Größer und umfassender kann man nicht einsetzen. Johannes fängt an, groß zu denken – und verweist auf den Größten von allen: Jesus Christus, zu uns gekommen im Kind in der Krippe. Einer, der sich nicht aufspielen muss, um groß zu sein. Sondern einer, der Verbindung schafft zwischen dir und mir und zwischen dir und Gott. Das dürfen wir erkennen und erfahren, das dürfen wir bezeugen. Denn alles was zählt, ist die Verbindung zu ihm.

Amen.

Der Fingerzeig des Johannes – Dialogpredigt vom 24.06.2018 in Tiefenort

Sag mal, weißt du eigentlich, was für ein Tag heute ist?

Ja, natürlich. Heute ist Sonntag.

Und?

Heute ist Stadtfest. Drei Tage lang haben die Leute gefeiert. Musik und Stimmung bis spät in die Nacht. Kein Wunder, dass die Leute feiern, waren es doch die längsten Tage des Jahres!

Ja, aber denke mal daran, wie viel Zeit und Kraft haben andere Menschen investiert, damit so ein Fest funktioniert! Es läuft nicht von heute auf morgen. Und was noch?

Genau: Sonnenwende – und: diese heidnischen Sonnen-Wend-Feiern.

Und?

Na, 6 Monate vor Weihnachten! Nur noch 6 Monate. Was ich noch alles einkaufen muss. Geschenke, Deko, den Weihnachtsbaum bestellen. Soll ich jetzt mit den Vorbereitungen beginnen? So einen Baum wie im letzten Jahr …

Und?

Wie und?

Du kommst nicht drauf?

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